Adventskalender des Zentrums für Berlin-Studien (ZBS)

Adolf Glaßbrenner: Der Weihnachtsmarkt


Pfeifenhändler Brecke (steht vor seiner Bude, trampelt, um sich zu erwärmen, fortwährend mit den Füßen, schlägt die Arme übereinander und spricht mit seiner Nachbarin, der Obsthändlerin Piesich): Kotz Schock! Schwerebrett, is des wieder ´n Weihnachtsmarcht, da möchte man de Platze vor Ärger kriegen. Madam Piesichen! Nu sehn Se mal, nu steht so´n unjlücklicher Mensch hier wie ick un trampelt und schlägt sich die Kälte aus´m Leibe, un worum? Um nischt, reene um nischt! Na oder nennen Sie des was, Piesichen, daß ich seit heute um Zehne drei Pfeifen zu sechs Silberjroschen, zwei Spitzen un en Wassersack verkooft habe? Is des des Standjeld wert? Na, so tu´ mir eener den Jefallen!
Piesich: Na, Herr Brecke, mir jeht et woll besser? Zwee un ´ne halbe Metze Äppel un vor sechs Dreier Wallnüsse, det sollste fühlen!
Brecke: Sehn Se! Sehn Se, da jeht nu so´n Kerrel jroß un breet vorüber! Kann sich nu so´n Kerrel wie der nich ´ne Pfeife koofen? Wozu hängen se´n hier? (wütend) Der Deibel soll se alle uf´n Kopp fahren! Ansehen dhun se sich alles, aber koofen dhut keener nischt! Ne, un meine Beene, die kriej´ ick nich wieder warm. Det fejöt eenen noch hier, sich krank machen un nischt einnehmen! Ach, un dabei schlag´ ick mir vor Wut in de Seiten, det ick kaum Atem holen kann.
Piesich: Na immer ran, Madameken! Schöne Rostocker, Borschdorfer, Wallnüsse, Haselnüsse! (die Dame geht vorüber.) Ja Kuchen!
Brecke: Sehn Se, wat sagt ick Ihnen, da jeht se hin und singt nich mal! D i e un Äppel koofen, na da kennen Se d i e schlecht. Wenn se sich noch wenigstens ´ne Pfeife gekooft hätte! Kann unsereener roochen, wird so´n dickes Frauenzimmer och nich der Deibel davon holen!
Piesich (zu einem vorübergehenden jungen Herrn): Immer ran, mein schönster Herr, schöne Rost...
Junger Herr (die Äpfel besehend): Was kostet de Viertelmetze?
Piesich: De Viertelmetze? Sechsdreier!
Junger Herr (indem er langsam fortgeht): I worum nich ja en Dhaler un zehn Silberjroschen!
Scherenberg: Weihnachtsmarkt, 1859
Auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin, Zeichnung von H. Scherenberg, um 1875
aus: Alt-Berliner Weihnacht / hrsg. von Renate Steinchen. -
Berlin : Argon Verlag, 1994, S. 28 Sign: B 274 Wei 9

Piesich (bitterböse): Ach jerrjees: nu wird der ooch bei die Zeiten noch witzig! So´n stinkstiebliger Windhund mit ´n jewölbten Leibrock un der Haare à la Schafskopp! So´n Viertelmetzen-Jüngling mit zwee Kupperdreier in de Tasche will sich ooch noch dicke dhun! Ne, juter Junge, da biste bei de Unrechte jekommen! Vor so´n Kerrel, wie der is, da wachsen de Äppel nich, find´t seine uf de Straße! Bei d i e Kälte, so´n Jespenst ohne Fleesch! So´n Lappendräger, drei Knochens un vier Splinter will ´ne reptierliche Frau kujenieren? So ´ne Zujabe uf´n Dutzend Menschen? Er is woll ooch erst nach de ufgeschlagne Akziese uf de Welt jekommen? Der janze Kerrel sieht wie´n Seufzer über die unglückliche Zeit aus! I Jott nee doch, nee doch! Nehm´ Er sich doch bloß in´n Acht, deß de Schwalben in´t Frühjahr nich in seinen hohlen Kopp bauen! Vermiet Er sich lieber als Telejraphen-Jestelle; wenn man ihm die Arme auseinanderschlägt, dann heeßt er in Köln: in Berlin is ´ne Hungersnot.
Mehrere Knaben (schreiend): Hurrah! Herrjeh, hier jibt et Skandal! Die Hökern schimpft hier! Hurrah!
Piesich (in höchster Erbitterung aufspringend): Hökern? Maulaffen infame, ick wer´ Euch behökern! Nee, ick sage, man möchte sich de Schwindsucht an´n Hals ärjern! So´ne - Löffels infamen, von die man alle zusammen siebenunsiebzig Mal Mutter sin könnte!
Gendarm: Sein Sie stille!
Piesich (sich setzend): I Jott ja, mit Vergnüjen. ´t jibt eenen ja so keener was vor seine Unterhaltung.
Brecke: Hör´n Se mal, Herr Jens´darm, des Jescheidtste, was Sie dhun könnten, wäre, deß Sie mir en paar Käufer randrieben.
Kutscher (schreit vom Bock herunter): Heda, Sie da! Weg da! Sie da! Wollen Sie sich denn mit Jewalt überfahren lassen?
Fußgänger: Ach nee, so sehr besteh´ ich eben nich druf. Wenn´s nich durchaus notwendig is, denn bleib´ ick lieber noch ´ne Weile leben.
Gelbgießer Poppe (betrunken): Na, nu was is denn hier? Weihnachtsmarcht? Weihnachtsmarcht braucht hier jar nicht zu sind, braucht er! Buden? Illuminiert? Wer is illuminiert? Jelbjießer Poppe? Des bin ich, ich Poppe. (zu einem Herrn) Kennen Sie mir? Kennen Sie Poppen? (torkelt weiter) Sie brauchen mir jar nich zu kennen! (er steht still und läßt den Kopf auf die Brust sinken) Wenn ich mir kenne, dann braucht mir keener nicht zu kennen. (schreit) Jelb - jiesser bin ick! (torkelt weiter) Ich jieße jelb und drinke Punsch! Branntwein drink´ ich ooch, Schnaps ooch, Kümmel ooch, Pomeranzen ooch, Poppe drinkt allens bei Tage un bei Nachte. (bleibt stehen) Wovor is hier die Pfefferkuchenbude? Ich esse keenen Pfefferkuchen! Ich steche Ihnen eine Maulschelle, wenn Sie die Bude nich wegnehmen!
Lehmannais (vor seinem Tische mit wundertätigen Flaschen und Schachteln auf- und abgehend und Käufer anlockend): A Meßjees, je suis le berühmte Faberkante von die unjeheure Wunderjeschichten, die allens aus de Kleider und Habite bringen, was ´rein macht. Flecke un Paster von Öl, Fett, Talg, Wachs, Teer un überhaupt Jucks un Schmuz de toute Qualitees! ´Aben Sie la Bongté näher ßu spazieren an mein Magaßeng extraordineer un einzig in seiner Art. Hier haben Sie "Esprit de Sultan Mahmud"! Sie öffnen die la Putellje, jießen einen Tropp auf Fleck - futsch, ist Fleck wech! Der verstorbene Sultan hat es selbst erfunden, und all den alten Jucks aus seinen Divan damit fortjeschafft. Kommen Sie her, Mußjee le Paysang (er zieht einen Landmann an seinen Tisch). Sie haben hier einen furchtbaren Paster auf wotter Mateng. Hier is Putelch; hier jieß ich zwei Tropp auf den Fleck; ich reib un peu, ich nehm´ eine Bürste, voyez: futsch is Fleck, voyez!
Landmann: Wenn´t naß is, des Duch, denn secht´s immer so uut, als ob der Dreck weck wäre, aberscht nachher is er wieder doa.
Lehmannais: A mon Dieu, vor zweifleree? Jeben Sie deux gro, zwee Jroschen Courant, un Sie seind vor Lebenszeiten ein reinlicher Mensche. Vous ne voulez pas? Adieu, adieu, je le ... (zu einem Träger, der ihn unversehens stößt) Na blinder Hesse, kannste denn nich sehen?
Träger (sehr ruhig): Ick wer´ Dir jleich bei Hessen! Nimm´ Dir ´n Acht, Du Endeken Franzose aus de Kanonierstraße!
Lehmannais: Na vor so´nen Schafskopp, wie Du bist, wird er sich ooch nich fürchten.
Träger (setzt sein Gepäck beiseite): Wird er sich n i c h ? Na warte, Franzose, du wirscht schon! (indem er ihm einen Schlag auf den Kopf versetzt) Ick wer´ Dir en bisken Freiheitskrieg von en Berliner beibringen, det Dir der janze Feldzug wackeln soll. So´ne französische Wuluwu-Krabbe, wie Du bist, die lassen wir uns nich so nah uf´n Leib rücken! Wenn ick Dir einije blaue Flecke beibringe, denn sag´ ich Dir , denn kannste sechs Wochen Esprit de Sultan druf jießen, d i e jehen nich raus! Adje, Huluwu-Schafskopp!
Lehmannais (halb für sich) Esel! (zu den Zuschauern) A Meßjees et mes Dames, je-suis le berühmte Faberkante von die berühmte Wunderjeschichten, die alles aus die Kleider und Habite bringen, was ein Mensch ´rein macht. Hier ´aben Sie l´eau de la baiersche Jungfrau Maria, die machen Wunder durch´s ganze Reich, wo de Natur hübsch is. Das l´eau können Sie jieße auf votre visage, wenn Sie haben rote Pickelkens: l´eau von die baierische Jungfrau Marie nehmen Pickelkens wech un machen schönstes visage.
Schuster Premelowsky: Mir wundert, det S i e sich noch nischt in Ihr Jesicht jejossen haben!
Friederike (Dienstmädchen, ihrer Freundin begegnend) Herrjes, Carline, Du bist es! Na? Du siehts Dir ooch immer so um ; Du wart´st jewiß ooch uf Deinen?
Caroline: Ja, Rampelberjer kann erst um halb Neune aus de Caserne, un da hat er mir bestellt, daß wir uns bei Kasemirn treffen. Meine Herrschaft is heute zum Jeburtstag in de alte Jacobstraße, un da kommen se vor Zwölfe nich zu Hause. Ick loof nu man derweile hier uf un ab vor Kasemirn, sonst wissen de Leute nicht, was se von eenen denken sollen, wenn man stille steht.
Friederike: Na, da habt Ihr´s jut bis Zwölfe! Meine sind bloß in´s Theater, un da muß ich schon um Neune wieder ufpassen. Flocke, mein Dischler, wollte mir ooch hier treffen.
Caroline: So? I siehste woll, nu haste ja doch den Flocken endlich ranjekriegt! Na, hör´ mal Du Fridrike, der war höllisch feste, der hat Dir lange zappeln laaßen; ick weeß noch von´n Sommer her, von Moabit, wie Du als blinde Kuh Dir immer en bisken ufmachtest, deß De sehen konnst, um den Dischler immer ranzukriejen. Na, verdenken kann ick´s Dir nich, besser als der Splitter, Dein verjangener Schneider, is er. Ick muß Dir ufrichtig jestehen, Fridrike, wenn ick´n Bessern kriejen könnte wie Rampelberjern, denn wird er anjeschnallt. Was meenste denn, daß er mir schon zujemutet hat: ich soll ihm zwee Dhaler von meinen Weihnachten abjeben, un drei krieg ick vielleicht im Janzen.
Friederike: Nee, da lob´ ich mir meine Herrschaft: unter fünf Dhaler dhut die´t nich.
Caroline: Ja, des jloob´ ich, des is ooch en Unterschied mit uns beede, Du hast ooch ee´n Herrn, der Dir in de Backen kneift, wenn er´t Morjens ins Biereau jeht; mir kneift de Frau.
Geschrei: Walddeibelverkoof. Fahniverkoof. Hallohverkoof!

Aus: Berliner Volksleben, 1. Band, 1847
In: Weihnachten im alten Berlin / Gustav Sichelschmidt. - Berlin : arani, 1984. - S. 66
Sign: B 274 Wei 8





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Letzte Aktualisierung: 21.11.1997