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Ein Teenachmittag bei Frau Jacobsohn

"An einem der »Weltbühnen«-Teenachmittage, zu denen die Verlegerin Edith Jacobsohn die Autoren des »Blättchens« um sich versammelte, um mit ihnen über Neuigkeiten der Literatur und der Politik zu plaudern, und auf denen, wie Hermann Kesten berichtet, meist nur dünner Tee gereicht wurde, wohingegen sich Kästner auch an Kognak , Wermut und belegte Brötchen erinnert, wurde er von der Gastgeberin »auf den Balkon bugsiert«. Frau Jacobsohn klemmte sich das Monokel ins Auge und eröffnete dem jungen Mann: »Sie wissen, daß ich die ´Weltbühne´ nur leite, weil mein Mann gestorben ist. Und Sie wissen auch, daß mir der Kinderbuchverlag Williams & Co. gehört.«
Das wußte Kästner natürlich, denn in diesem Verlag waren in deutscher Übersetzung die weltberühmten Doolittle-Bände des Engländers Hugh Lofting erschienen, auch Pu, der Bär von A. A. Milne und zwei Bände des nicht minder berühmten Tschechen Karel Capek. Was sich Edith Jacobsohn und Erich Kästner auf dem Balkon im Grunewald weiter zu sagen hatten, ist in den Vermischten Beiträgen seiner Gesammelten Werke festgehalten:
»Es fehlt an guten deutschen Autoren«, meinte die Frau mit dem Monokel. »Schreiben Sie ein Kinderbuch!«
Kästner war ob dieser Aufforderung völlig verblüfft. »Um alles in der Welt, wie kommen Sie darauf, daß ich das könnte?«
»In Ihren Kurzgeschichten kommen häufig Kinder vor, davon verstehen Sie eine Menge. Es ist nur noch ein Schritt. Schreiben Sie einmal nicht über Kinder, sondern auch für Kinder!«
»Das ist sicher schwer«, sagte er, »aber ich werd´s versuchen.«
Als Edith Jacobsohn einige Wochen später bei ihm in der Wohnung anrief, ob er sich die Sache mit dem Kinderbuch überlegt habe, teilte er ihr - zu ihrer Verblüffung - mit, er schriebe bereits am neunten Kapitel. Woraufhin Kästner zu hören glaubte, daß es am anderen Ende klirrte, was er nur so deuten konnte, daß der Verlegerin vor Überraschung das Monokel aus dem Auge gefallen war."

Aus: humor, S. 109 - 110

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