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Emils Spielplätze

Mit Erich Kästner in Dresden

von Michael Bienert

Alle lieben Lottchen. Schon ist sie aus Dresden sowenig wegzudenken wie die Elbe, der Zwinger, der Christstollen oder die Sixtinische Madonna. Dabei ist Lottchen gerade mal sieben Jahre alt. "Loddschn", wie die Sachsen sagen, heißt die Dresdner Kinderstraßenbahn. Täglich kurvt sie durch die Stadt, um den Kindern zu zeigen, was es mit dem höchsten Turm, der schmutzigsten Bahnhofsuhr, der buntesten Brücke Dresdens auf sich hat.

Die Kinderstraßenbahn fährt auch an den Häusern vorbei, in denen Erich Kästner aufgewachsen ist. Die Kinder kennen ihn als Vater von Emil, von Pünktchen und Anton, vom doppelten Lottchen. Ihm zu Ehren trägt die von Kinderhand bunt bemalte Bahn ihren Namen. Aber auch sonst ist Erich Kästner in Dresden gegenwärtiger denn je. Seine Kindheitsautobiographie "Als ich ein kleiner Junge war", 1957 erschienen, ist in jüngster Zeit zum Kultbuch geworden. Schulklassen ziehen auf den Spuren Erich Kästners durch die Stadt. Es gibt Kästner-Tage, Kästner-Stadtführungen und Pläne, eine Gedenkstätte unweit seiner Kindheitsorte einzurichten.

Noch sind es vor allem die Dresdner selbst, die mit dem Buch in der Hand auf Entdeckungsreise gehen. Kästners Kindheitserinnerungen helfen Lücken zu schließen, die das im Sozialismus gepflegte Geschichtsbild und sein Zusammenbruch nach 1989 im historischen Bewußtsein der Stadt hinterlassen haben. Seit ein paar Jahren beschäftigt man sich intensiver mit der lange unterbelichteten Industrie- und Militärgeschichte, mit der verdrängten jüdischen Geschichte, mit kostbaren Erbstücken wie der Gartenstadt Hellerau. Kästners Erinnerungsbuch ist das wichtigste literarische Zeugnis des kleinbürgerlichen Milieus in den Gründerzeitvierteln abseits der barocken Dresdner Schauseite. Die Orte seiner Kindheit lagen weit genug außerhalb, um dem Feuersturm, der im Februar 1945 das alte Dresden auslöschte, zu entgehen. Wer in die Fußstapfen Kästners tritt, findet daher immer noch authentische Spuren früheren Lebens vor, nicht bloß Imitationen.

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