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Erich Kästners Detektiverlebnis

"Als Erich elf oder zwölf Jahre alt war, hatte eines Tages, wie es häufig vorkam, eine Frau bei seiner Mutter einen Großauftrag für eine Hochzeitsgesellschaft aufgegeben. Er stand dabei, als die Einzelheiten besprochen wurden, und hörte neugierig zu, wie die Auftraggeberin, ein Fräulein Strempel mit Namen, von der bestellten Brautkutsche und weiteren fünf Droschken schwärmte, vom Hotel Bellevue, das das Diner liefere, dem engagierten Kellner im Frack und von einer riesigen Eisbombe als Nachtisch. Sie selbst sei die Glückliche, die kommenden Sonnabend getraut werde. Zum Tag des vereinbarten Termins jedoch herrschte bei Kästners Niedergeschlagenheit. Die Mutter weinte. Die angegebene Adresse war falsch. Sie war einer Betrügerin aufgesessen.

Mißerfolge der Mutter, das war immer so im Haushalt der Kästners gewesen, bedrückten auch den Sohn. In diesem Falle konnte er wohl nichts ändern. Bis ihm eines Tages der Zufall zu Hilfe kam. Auf dem Nachhauseweg von der Schule sah er das angebliche Fräulein Strempel auf der Straße wieder. Blitzschnell drückte er dem Jungen, der mit ihm war, den Schulranzen in die Hand mit dem Auftrag, ihn zu Hause abzugeben und seiner Mutter auszurichten, »der Erich komme später«. Dann nahm er die Verfolgung auf. Da ihn das Fräulein Strempel, die wahrscheinlich gar nicht Strempel hieß, nicht wiedererkannt hatte, brauchte er sich nicht zu verstecken. Durch mehrere Straßen blieb er ihr auf den Fersen, bis zum Dresdner Altmarkt, wo sie hinter den gläsernen Flügeltüren von Schlesinger & Co., einem Geschäft für »feinste Damenkonfektion«, verschwand. Detektiv Erich marschierte hinterher und geriet damit in eine peinliche Situation als männlicher Kunde inmitten von Damenkonfektion.

»Da stand ich nun zwischen Ladentischen, Spiegeln, fahrbaren Garderoben und unbeschäftigten Verkäuferinnen und rührte mich, vor Schreck und Pflichtgefühl, nicht von der Stelle. Wenn wenigstens Kundinnen dagewesen wären und anprobiert und gekauft hätten! Aber es war ja Mittagszeit, da war man daheim und nicht bei Schlesingers! Die Verkäuferinnen begannen zu kichern. Eine von ihnen kam auf mich zu und fragte mutwillig: ´Wie wär´s mit einem flotten Sommerkleidchen für den jungen Herrn? Wir haben entzückende Dessins auf Lager. Darf ich Sie zum Anprobieren in die Kabine bitten?´ Die anderen Mädchen lachten und hielten sich die Hand vor den Mund. Solche Gänse! ... Die Mädchen wollten sich vor Lachen ausschütten. Ich wurde rot und wütend. Da erschien eine ältere Dame auf der Bildfläche, und die Etage wurde mäuschenstill. ´Was machst denn du hier?´ fragte sie streng. Weil mir nichts Besseres einfiel, antwortete ich: ´Ich suche meine Mutter.´ Eines der Mädchen rief: ´Von uns ist es keine!´, und das Gelächter brach von neuem los.
In diesem Moment glitt der Wandspiegel lautlos zur Seite, und das Fräulein Nichtstrempel trat heraus. Ohne Hut und Mantel. Sie strich sich über´s Haar, sagte zu den anderen: ´Mahlzeit, allerseits!´ und begab sich hinter einen der Ladentische - sie war, bei Schlesinger im zweiten Stock, Verkäuferin! Und schon war ich auf der Treppe. Ich suchte den Geschäftsführer. Hier war ein Gespräch zwischen Männern am Platze!«

Es stellte sich heraus, daß das Fräulein gar nicht Strempel, sondern Nitzsche hieß und von der Hochzeit keine Rede sein konnte. »Ein alterndes Fräulein, das keinen Mann fand, hatte heiraten wollen, und weil sich ihr Wunsch nicht erfüllte, log sie sich die Hochzeit zusammen. Es war ein teurer Traum. Ein vergeblicher Traum. Und als sie erwacht war, bezahlte sie ihn ratenweise und wurde mit jeder Monatsrate ein Jahr älter. Manchmal begegneten wir uns auf der Straße. Wir sahen einander nicht an. Wir hatten beide recht und unrecht. Doch ich war besser dran. Denn sie bezahlte einen ausgeträumten Traum, ich aber war ein kleiner Junge.«

Soweit das Dresdner Detektiverlebnis ..."

Aus: humor, S. 112 - 114

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