Zurück zu Entstehungsgeschichte, Rezeption

WIEDERSEHEN MIT EMIL
VON ERICH KÄSTNER
Der Ufa-Film "Emil und die Detektive", nach Erich Kästners Roman, wird in dieser Woche uraufgeführt.
Anzeige Uraufführung

Meinen Roman für Kinder: "Emil und die Detektive" schrieb ich, im Sommer 1929, auf der Terrasse des Café Josty, Kaiserallee, Ecke Trautenaustrasse, nieder.

So kam es, dass Herr Grundeis, der Dieb mit den abstehenden Ohren, vom Bahnhof Zoo aus die Strassenbahnlinie 177 benutzen, dass er ferner Ecke Trautenaustrasse wieder aussteigen und sich, vor Verfolgern sicher glaubend, auf die Terrasse des Café Josty setzen musste, um, quasi am selben Tisch wie sein Autor, zu frühstücken. Es wirkte damals sehr beruhigend auf mich, das Personal der Geschichte auch geographisch in meiner Nähe zu wissen.

So kam es auch, dass Emil Tischbein, der kleine Neustädter Realschüler, den Dieb verfolgend, an derselben Haltestelle ausstieg, und dass er sich, mit Koffer und Blumenstrauss bewaffnet, hinter jenem Zeitungskiosk postierte, an dem ich täglich meine Zeitungen einkaufte. Von diesem Kiosk aus konnte Emil Tischbein den frühstückenden Grundeis beobachten, der neben mir auf der Terrasse sass. Er konnte also auch mich sehen. Und ich wusste, dass er dort drüben auf dem Koffer hockte, und dass Herr Grundeis sich seinem Untergang entgegenfrühstückte.Denn bald musste, meinen Dispositionen folgend, Gustav mit der Hupe auftauchen, drüben am Kiosk mit Emil Freundschaft schliessen und die Kinder der Umgegend mobilisieren, damit sie gerechterweise den Mausehaken zu Fall brächten. Ich sass mitten zwischen meinen Figuren, mitten in meiner kleinen Geschichte, und wenn die anderen Kaffeehausgäste von den Figuren und der Geschichte nichts sahen und hörten, so war das nicht meine Sache.

Ein paar Monate später zog ich in ein anderes Viertel Berlins. Aber im Sommer 1931 kam ich wieder einmal an der Kaiserallee vorbei. In der Kaiserallee, Ecke Trautenaustrasse, befindet sich nämlich eine Bankfiliale, der ich, trotz des Umzugs, treu geblieben war. Ich kam dahin, um den Bankvorsteher zu bitten, er möge mir 50 Mark von meinem Konto auszahlen lassen. Es waren die glorreichen Tage des Bankkrachs, und ich musste sehr bitten.

Als ich die Bank verlassen hatte, setzte ich mich, der alten, fast vergessenen Gewohnheit folgend, auf die Josty-Terrasse. Ich erkannte die Kellner und ein paar Stammgäste wieder. Nichts schien sich verändert zu haben. Nur, am Nebentisch sass ein Kerl im steifen Hut. Die Ohren standen ihm ab. Er frass wie ein Scheunendrescher. Mitunter blickte er scheu um sich.

War das nicht Herr Grundeis, der vor zwei Jahren meinen kleinen Emil bestohlen hatte? Er war´s tatsächlich! Ich blickte auf die Strasse. Drüben kletterte eben ein kleiner Schüler aus der Linie 177. Mit Koffer und Blumenstrauss war er bewaffnet. Verloren stand er zwischen den Autos, sah zu uns herüber, duckte sich und rannte hinter den Zeitungskiosk. War das nicht Emil Tischbein aus Neustadt? Er war´s tatsächlich.

Ich sass starr da und erlebte eine Geschichte, die ich vor zwei Jahren nur eben geschrieben hatte, wirklich. Das war ein seltsames Gefühl ... Und dann trat ich zum Nebentisch und fragte: "Sind Sie nicht Herr Grundeis?" "Jawohl", sagte der Mann mit dem Gaunergesicht, "ich heisse Fritz Rasp."

Währenddem kletterte der kleine Emil unermüdlich aus der Linie 177 herunter, bis aus einem Auto einer winkte. Es war der Filmoperateur. Die Aufnahme schien gelungen. Ich ging und fand das Erlebnis ein bisschen unheimlich.

Berliner Tageblatt, 29. November 1931

Zurück zu Entstehungsgeschichte und Rezeption