Zurück zu Entstehungsgeschichte, Rezeption

Der Nachwuchs besucht mich

Von Erich Kästner

Als ich neulich die Tür öffnete (denn es hatte geklingelt), stand ein zwölfjähriger Junge draußen. Er sei, sagte er energisch, aus Dresden-Zschertnitz, befinde sich, auf der Durchreise zum Onkel, in Berlin und habe gedacht: Gehst mal zu Erich Kästner. Ich bat ihn ins Zimmer.
"Die Sache ist die", meinte er, als er saß, "ich gebe in der Schule eine Zeitschrift heraus, Auflage dreißig Stück, Preis zehn Pfennig. Das Unternehmen muß ausgebaut werden. So geht das nicht weiter. Ich kann die Hefte nicht wie bisher allein schreiben, ich brauche Mitarbeiter. Hätten Sie Lust dazu?"
Ich erklärte meine Bereitwilligkeit.
"Gut", sagte er und machte sich Notizen. "Zweitens brauche ich Inserate. Denn wenn ich einen Vervielfältigungsapparat kaufen will, brauche ich Geld. Ich habe schon einigen Verlagen geschrieben. Könnten Sie nicht auch Ihren Verlag veranlassen, bei mir ein Inserat aufzugeben? Fünf Mark, wie gesagt."
Ich bemerkte, daß ich es ja einmal versuchen könne.
"Die dreißig Exemplare meiner Zeitschrift kursieren und werden von über hundert Kindern gelesen. Das Geld wäre gut angelegt", meinte er und schien gekränkt.
Ich hätte ihm gern ein Stückchen Schokolade angeboten. Aber ich traute mich nicht. Ich hätte ihn vielleicht beleidigt.
Er notierte wieder. Dann sagte er: "Dabei fällt mir folgendes ein. Sie haben doch ein sehr hübsches Kinderbuch verfaßt. Doch, doch es ist sehr hübsch. Es gefällt allgemein. Ich interessiere mich dafür, ich möchte es verlegen."
Wenn ich auch nicht viel von Geschäften verstehe, - daß mein Buch bereits verlegt war, wußte ich. Und ich teilte ihm das mit.
"Natürlich. Aber ich plane eine Volksausgabe. Das Buch ist viel zu teuer. Wenn es zwei Mark kostete, würden es allein in meiner Klasse zehn Schüler kaufen, die sich das jetzt nicht leisten können. Bedenken Sie, wie viele Schulklassen es in Dresden gibt!"
Er beabsichtigte offenbar, eine Dresdner Sonderausgabe herauszubringen.
"Haben Sie das Recht, mit mir zu verhandeln, oder muß ich mich an Ihren Verlag wenden?" fragte er.
Ich wies ihn vorsichtshalber an den Verlag. Er notierte wieder. Dann erinnerte er mich an mein Versprechen, Beiträge zu schicken. "Der weiße Spatz" heiße die Zeitschrift. Das übernächste Heft gedenke er als Antikriegsnummer herauszubringen. Dafür hätte ich doch sicher etwas Geeignetes vorrätig.
Ich nickte gehorsam. Er notierte, stand auf und sagte, er habe es eilig. Ich begleitete ihn zur Tür. Er stand schon draußen, da fragte er: "Wie steht das übrigens mit der Verfilmung Ihres Kinderbuches? Der Stoff eignet sich glänzend dafür. Sie sollten diesbezüglich etwas unternehmen."
Ich winkte, denn ich brachte kein Wort mehr heraus, und schloß die Tür. Dann brach ich zusammen.

Simplicissimus, 1930-31, S. 487

Zurück zu Entstehungsgeschichte und Rezeption