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Zwinkerblick ins Paradies

Walter Trier, der Zeichner neben Erich Kästner

von Michael Bienert

Jeder kennt seine farbenfrohen Zeichnungen, und doch ist er fast vergessen: Walter Trier, der Illustrator von "Emil und die Detektive" und vielen anderen Kinderbüchern Erich Kästners. Aus Anlaß von Kästners 100. Geburtstag am 23. Februar kommt nun auch der kongeniale Zeichner zu neuen Ehren. Die Post gibt eine Briefmarke mit einer "Emil"-Zeichnung heraus, und die Berliner Kunstbibliothek widmet Walter Trier eine zwar bescheidene, aber viele unbekannte Facetten seiner Arbeit berücksichtigende Ausstellung.

Daß sich die Kunstwissenschaft bisher kaum mit Trier beschäftigt hat, führt Antje Neuner-Warthorst, die Kuratorin der Berliner Ausstellung, auf die allgemeine Geringschätzung des humoristischen Genres in Deutschland zurück. Triers relative Unbekanntheit ist aber ebenso eine Spätfolge der nationalsozialistischen Rassenpolitik, die seine glänzende Karriere als Pressezeichner in Berlin beendete. Vor den Repressionen, denen er wegen seiner jüdischen Herkunft ausgesetzt war, floh der eher unpolitische Künstler im Dezember 1936 nach London. In Kanada ist er am 8. Juli 1951 gestorben.

Auch im Exil war er als Illustrator populärer Zeitschriften und Werbegrafiker sehr erfolgreich. Für das Monatsmagazin "Liliput" zeichnete er zwölf Jahre lang das Titelblatt, über einhundertfünfzig Variationen desselben Motivs, eines Pärchens mit einem Hund. Walt Disney wollte ihn als Trickfilmzeichner unter Vertrag nehmen. Doch Trier schlug das Angebot aus, weil er nicht unter einem fremdem Konzernlogo arbeiten mochte. Der Name Trier, in klaren Blockbuchstaben an die rechte untere Bildecke gesetzt, war ein eigenes Markenzeichen.

Sein niemals verletzender Humor war so tiefgründig, daß er auch in England und Kanada sofort verstanden wurde. Erich Kästner berichtet von einem Besuch in London, bei dem ihm Trier zwei Zeichnungen vorlegte, die das komische Verkehrswirrwarr einer Großstadt zeigten. Beide Blätter unterschieden sich nur in einem winzigen Detail, das Kästner erst nach langem Suchen entdeckte. Dem Berliner Schutzpolizisten in der älteren Fassung hatte Trier eine Bobbyuniform angezogen. Die Engländer, erzählte Trier lächelnd, fänden das Blatt typisch englisch und bewunderten sein Einfühlungsvermögen.

Triers einzigartiges Talent, für Kinder zu zeichnen und die Kinderseele in Erwachsenen anzusprechen, geht wahrscheinlich auf eine glückliche Kindheit in Prag zurück, wo er am 25. Juni 1890 geboren wurde. Der Schriftsteller Max Brod berichtet in seiner Autobiographie, in der Wohnung von Triers Eltern hätten die Kinder den Ton angegeben. Überall lag Spielzeug herum. Dieses Kinderparadies hat der Künstler Trier nie ganz verlassen. Er besaß eine berühmte Spielzeugsammlung, die ihn bis nach Kanada begleitete, und ließ sich beim Zeichnen oft von Spielfiguren inspirieren.

Sein Handwerk lernte er vor dem Ersten Weltkrieg an der Prager Kunstgewerbeschule und an der Münchner Akademie in der Klasse von Franz von Stuck. Der "Simplicissimus" und die "Jugend" druckten die ersten Karikaturen. 1910 holte der Herausgeber der "Lustigen Blätter" Walter Trier als Pressezeichner nach Berlin. Während des Ersten Weltkrieges zeichnete er eher lustlos Karikaturen auf die Kriegsgegner. Sein Talent lag anderswo. Was immer er skizzierte, begann zu lächeln, selbst wenn es sich um eine niedergestochene Figur mit einem Messer im Rücken handelte. Auch die satirischen Zeichnungen von Nazigrößen, die während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag der britischen Propaganda entstanden, wirken eher verniedlichend. Sie wurden aus Flugzeugen über Deutschland abgeworfen.

Im Berlin der Zwanziger Jahre war Trier ein vielbeschäftigter Mann, der für Ullsteinmagazine Titel zeichnete, gelegentlich auch Revuen ausstattete und Wandgemälde ausführte. Edith Jacobson, die Verlegerin der "Weltbühne" und Inhaberin des Kinderbuchverlags "Williams & Co.", stellte 1927 den Kontakt zu Erich Kästner her. Sie schlug dem jungen Journalisten vor, ein Kinderbuch zu schreiben, und stellte ihm den erfahrenen Illustrator Walter Trier zur Seite. So entstand "Emil und die Detektive".

Triers Lieblingsmotiv war das Paradies. In immer neuen Variationen zeichnete er Adam und Eva vor dem Sündenfall. Auch seine farbigen Tierkarikaturen beschwören ein paradiesisch friedliches Miteinander. Auf einem Buchumschlag hat er sich selbst in die Welt, von der er träumte, hineingemalt. Da arbeitet er im grünen Gras liegend unter einem Baum, beoachtet von Löwe, Schwein, Seehund und Vögeln, umschwirrt von Schmetterlingen, zu seinen Füßen ein Baby und in Griffnähe das zweitwichtigste Werkzeug des modernen Künstlers: ein Telefon.

Über sein Schicksal schrieb Erich Kästner: "Ein Mann, der, wohin er auch kam, Freude verbreitete, floh mit seinem Spielzeug um den halben Erdball, vor einem anderen Mann, der Grauen und Schrecken verbreitete, wohin er auch kam. Das, finde ich, wäre eine passende Geschichte für die deutschen Lesebücher!"

Die Ausstellung wurde bis 28. Februar 1999 in der Kunstbibliothek am Kulturforum gezeigt. Das farbige Begleitheft kostet DM 6,-- und ist zu beziehen über das Außenamt der Staatlichen Museen, Tel. 030 - 266 2987, Fax 030 - 266 2161.

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