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Makkaroni, Schnürsenkel und Bleistifte

Erich Kästner in einer neuen Werkausgabe

von Michael Bienert

Er hatte Talent, und er wußte es zu gebrauchen. Wenige Schriftsteller waren so erfolgreich auf dem literarischen Markt der ausgehenden Zwanziger Jahre wie der junge Erich Kästner. Seine Berliner "Versfabrik" lieferte mit schier unglaublicher Geschwindigkeit ständig neue Gedichte für Zeitungen und Kabaretts, die er wenig später in populären Lyrikbänden wiederverwertete. Wie am Fließband produzierte Kästner Theater- und Filmkritiken, Buchrezensionen und feuilletonistische Aufsätze, die von seiner Sekretärin Elfriede Mechnig auf Rundreise durch die Redaktionen geschickt und nicht selten mehrfach nachgedruckt wurden.

In der ersten sechs Jahren nach Kästners unfreiwilligem Ausscheiden aus der Redaktion der "Neuen Leipziger Zeitung" erschienen neben hunderten von Zeitungsartikeln nicht weniger als vier Gedichtbände, fünf Kinderbücher, ein Roman sowie drei Filme nach Drehbüchern von Erich Kästner. Für das neue Medium Rundfunk schrieb er die lyrische Suite "Leben in dieser Zeit", die auch in mehreren Theatern szenisch aufgeführt wurde. Mit Fleiß und Pfiffigkeit löste der "patentierte Musterknabe" ein Versprechen ein, das er seiner Mutter im November 1926 brieflich gegeben hatte: "Wenn ich 30 Jahr bin, will ich, daß man meinen Namen kennt. Bis 35 will ich anerkannt sein. Bis 40 sogar ein bißchen berühmt. Obwohl das Berühmtsein gar nicht so wichtig ist. Aber es steht nun mal auf meinem Programm. Also muß es eben klappen."

Es klappte, bis die Nazis in Deutschland an die Macht kamen. Mit 34 Jahren sah Kästner zu, wie seine Bücher auf dem Platz neben der Berliner Staatsoper verbrannt wurden. Da war er schon so berühmt, daß er zu der Handvoll Autoren zählte, deren Namen bei dem Autodafé ausgerufen wurden - neben Marx, Engels, Freud, Tucholsky und Ossietzky. Zum letzten Mal für viele Jahre war der Name Kästner über den Reichsrundfunk im ganzen Land zu hören. Die Zeitungen druckten nichts mehr, und was Kästner im Ausland publizieren konnte, durfte den weiterhin in Deutschland lebenden Autor nicht gefährden. Aus der Reichsschrifttumskammer blieb er ausgeschlossen, hatte also Berufsverbot. Der politische Autor und der zeitkritische Publizist waren damit zum Schweigen gebracht, lediglich der Unterhaltungsschriftsteller Kästner konnte unter wechselnden Pseudonymen noch einige Anerkennungserfolge für sich verbuchen. Sein größter Coup war es, daß der große Ufa-Jubiläumsfilm "Münchhausen" mitten im Zweiten Weltkrieg nach seinem Skript gedreht wurde. Als die Sache sich herumsprach, verfügten Hitler und Goebbels ein totales Schreibverbot über den begabtesten Filmautor des Dritten Reiches.

In den ersten Nachkriegsjahren stellte Kästner zunächst alle großen literarischen Projekte zurück, redigierte und schrieb statt dessen für die "Neue Zeitung", die Jugendzeitschrift "Pinguin" und das Münchner Kabarett "Die Schaubude". Er fabrizierte, wie schon in den Zwanziger Jahren, pausenlos Texte für den täglichen Gebrauch. Das entsprach seinem Selbstverständnis als Schreibhandwerker und Aufklärer: "Wer jetzt an seine Gesammelten Werke denkt statt ans tägliche Pensum, soll es mit seinem Gewissen ausmachen. Wer jetzt Luftschlösser baut, statt Schutt wegzuräumen, gehört vom Schicksal übers Knie gelegt."

Als die gröbste Arbeit getan war, zog sich Kästner aus der hektischen Tagesschriftstellerei zurück. In den fünfziger und sechziger Jahren trat er noch gelegentlich öffentlich auf, um gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands Stellung zu nehmen. Literarisch aber hat er als freier Schriftsteller nicht mehr viel Großartiges zu Papier gebracht, sondern vor allem seinen Ruhm verwaltet und sich selbst kopiert. Sein Versuch, mit dem Stück "Die Schule der Diktatoren" eine weitere Karriere als Theaterautor zu starten, mißlang. Bis in die sechziger Jahre entstanden noch eine Reihe von Kinderbüchern. Das schönste Buch aus dieser Zeit ist die Kindheitsautobiographie "Als ich ein kleiner Junge war", der Generalschlüssel zu Leben und Werk.

Über sein Oeuvre schrieb Kästner im Rückblick: "Wie soll man dieses Durcheinander an Gattungen und Positionen zu einem geschmackvollen Strauße binden? Wenn man es versuchte, sähe das Ganze, fürchte ich, aus wie ein Gebinde aus Gänseblümchen, Orchideen, sauren Gurken, Schwertlilien, Makkaroni, Schnürsenkeln und Bleistiften."
Trotzdem lasse sich in seinen Schriften eine Einheit erkennen. Der Autor Kästner sei eben "kein Schöngeist, sondern ein Schulmeister! Betrachtet man seine Arbeiten - vom Bilderbuch bis zum verfänglichsten Gedicht - unter diesem Gesichtspunkt, so geht die Rechnung ohne Bruch auf. Er ist ein Moralist. Er ist ein Rationalist. Er ist ein Urenkel der deutschen Aufklärung, spinnefeind der unechten ´Tiefe´, die im Lande der Dichter und Denker nie aus der Mode kommt, untertan und zugetan den drei unveräußerlichen Forderungen: nach der Aufrichtigkeit des Empfindens, nach der Klarheit des Denkens und nach der Einfachheit in Wort und Satz."

Das klingt nicht nach der großen Konfession eines Künstlers, es ist das Credo eines Publizisten. Immer schrieb Kästner für eine Öffentlichkeit, die er beeinflussen wollte, auch wenn er sich über die Wirksamkeit von Literatur wenig Illusionen machte. "Seelisch verwendbar" sollten seine Gebrauchslyrik sein, indem sie das prägnant ausdrückte, was viele weniger sprachbegabte Menschen fühlten. Er war stolz darauf, daß seine humoristischen Unterhaltungsromane in Krankenhäusern verordnet wurden "wie Zinksalbe und Kamillenumschläge". Um sein Ziel zu erreichen, beschränkte sich Kästner auf eine literarische Sprache von größter Einfachheit und Gemeinverständlichkeit. Seine Kunst machte sich unsichtbar, sie war vor allem Mittel zu pädagogischen Zwecken.

Wie ediert man dieses Werk für die heutige Zeit? Vieles, was Kästner schrieb, wirkt zahnlos und verstaubt, denn die Maßstäbe des Lesepublikums haben sich geändert. Die erotischen Passagen, deretwegen er als Pornograph denunziert wurde, rufen bei Halbwüchsigen heute nur noch ein Gähnen hervor. Viele Zeitbezüge sind dem kollektiven Gedächtnis verlorengegangen. Andere, wie die Greuel der Nazis, die Kästner nach dem Krieg seinen vergeßlichen Landsleuten in Erinnerung rief, sind so sehr Teil des allgemeinen Geschichtsbewußtseins geworden, daß die Texte darüber kaum noch aufklärend wirken. Die Schriften bedürfen daher in vielen Fällen der Kommentierung, nicht so sehr um ihren Wortlaut, als um ihre beabsichtigte Wirkung verstehen zu können.

In dieser Hinsicht leistet die neue, von Franz Josef Görtz herausgegebene Werkausgabe mit ihrem Apparat eine ganze Menge. Textlich bringt sie nicht allzu viel Neues, sondern basiert im wesentlichen auf den Textzusammenstellungen, die Kästner für diverse Buchausgaben selbst vorgenommen hat. Allerdings werden in der Regel die Erstdrucke der Texte nachgewiesen. Wie in den "Gesammelten Schriften" von 1959 beziehungsweise 1969 finden sich Gänseblümchen, Orchideen und saure Gurken, sprich Lyrik, Prosa, Dramatik und Übersetzungen, säuberlich auf einzelne Bände verteilt. Sie wurden von Subeditoren erarbeitet, die sehr verschiedene Ergebnisse vorgelegt haben.

Vorbildlich ist Beate Pinkerneils Edition von Kästners "Fabian"-Roman, die detailliert sichtbar macht, wie der Autor seine zeitkritische Satire im Jahr 1931 unter dem Druck des Verlags entschärfte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte das Buch "Saustall ohne Herkules" oder "Der Gang vor die Hunde" geheißen. Mit Hilfe des Kommentars läßt sich die konfliktreiche Entstehung des Buches Kapitel für Kapitel verfolgen. So ermöglicht die neue Ausgabe tatsächlich eine neue, spannende Lektüre des Romans.

Einen sehr guten Eindruck machen auch die Kommentare zu den Chanson- und Kabarettexten (von Hermann Kurzke), sowie zu den Theater-, Hörspiel- und Filmtexten (Thomas Anz). Harald Hartung hat zu dem Band mit Gedichten einen sehr lesenswerten Essay beigesteuert, der die vernichtende Polemik Walter Benjamins gegen Kästners "linke Melancholie" klug relativiert und die unscheinbaren Qualitäten seiner Lyrik herausarbeitet. Aber es gibt auch sehr saure Gurken, und ausgerechnet die vom Oberherausgeber Franz Josef Görtz eigenhändig edierten Bände mit Kästners Kinderromanen gehören dazu. Auf fast 1300 Druckseiten folgt ein schütteres biographisches Nachwort von rund 20 Seiten; der sonst obligate Werk- und Zeilenkommentar fehlt gänzlich. Was mag da schief gegangen sein? Ist der vorgesehene Bearbeiter säumig gewesen und Görtz mit einem rasch niedergeschriebenen Nachwort eingesprungen, weil das Erscheinen der ganzen Ausgabe rechtzeitig zum letzten Weihnachtsgeschäft des Buchhandels nicht gefährdet werden durfte? Ein editorisches Konzept ist bei den Kinderbüchern jedenfalls nicht zu erkennen.

Skandalös ist überdies die Inkonsequenz, die der Herausgeber beim Umgang mit Walter Triers klassisch gewordenen Illustrationen zu "Emil und die Detektive" an den Tag legt. Dort, wo sich Kästners Text so explizit darauf bezieht, daß man die Zeichnungen schlecht weglassen konnte, hat Görtz sie übernommen, ansonsten kommentarlos unterschlagen. Selbst wenn man davon ausgeht, daß die meisten Leser eine "Emil"-Ausgabe im Bücherschrank haben: Es darf einfach nicht sein, daß das Hauptwerk eines Autors in einer textkritischen Werkausgabe nur verstümmelt erscheint. Das ist so, als würde man Goethes "Faust" edieren und einfach ein paar Szenenanweisungen weglassen, die man gerade für entbehrlich hält.

Neue, deutliche Konturen gewinnt der Autor Kästner vor allem in dem dicken Band zur Publizistik, den Görtz zusammen mit Hans Sarkowicz herausgegeben hat. Beide sind zugleich die Verfasser einer neuen Kästnerbiographie und wohl nicht zufällig selbst im Hauptberuf Journalisten. Auf dreihundert Druckseiten bieten sie zunächst einen repräsentativen, gut kommentierten Querschnitt durch Kästners journalistisches Werk bis 1933. Neu und interessant sind dabei vor allem die politischen Leitartikel, die Kästner um 1926/27 in der Neuen Leiziger Zeitung veröffentlicht hat. Der junge Kästner exponierte sich hier als Anwalt einer fortschrittlichen, auf die Heranziehung mündiger Demokraten ausgerichteten Bildungspolitik, die er durch konservative Kräfte bedroht sah: "Der Marsch der Reaktion verrät Methode! Ein Aufmarschplan liegt zugrunde, der beweist, daß Diplomaten, Militärs und geistliche Routiniers ihn entwarfen!" Ihr Ziel sei, so Kästner im Februar 1927, die Wiedereinführung der "Polizeiwirtschaft in den Bezirken der Kunst, des Denkens und der Erziehung". Solche Kommentare belegen, daß Kästners lyrische Zeitkritik, aber auch seine pädagogischen Intentionen als Kinderbuchschreiber, nicht nur auf persönlichen Erfahrungen beruhten, sondern auch auf hellsichtiger politischer Analyse.

In der Nazizeit konnte Kästner nichts Zeitkritisches publizieren, doch hat er heimlich Tagebuch geführt. Auf der Basis dieser Notizen entstand 1960/61 der Band "Notabene 1945" über die letzten Tage des Dritten Reiches. Im Vorwort wies Kästner darauf hin, daß er seine stenographischen Notizen (die den Nazis Grund genug zur Hinrichtung wegen Defätismus gegeben hätten, wären sie ihnen in die Hände gefallen) für die Publikation stark bearbeitete: "Ich mußte nicht nur die Stenographie, sondern auch die unsichtbare Schrift leserlich machen". Trotzdem bestand Kästner darauf, es handle sich bei "Notabene 1945" um ein authentisches Dokument der Erfahrungen jener Zeit.

Die Herausgeber Görtz und Sarkowicz haben die Druckfassung mit der Urschrift verglichen und ziehen einen ganz anderen Schluß. Kästner habe viel zu seinen Notizen hinzuerfunden und sich nachträglich zum prophetischen Mahner und hellsichtigen Analytiker stilisiert. Für den Benutzer ihrer Ausgabe allerdings steht Aussage gegen Aussage, ohne daß ihm Gelegenheit gegeben wird, sich selbst ein Urteil zu bilden. Denn die Herausgeber überliefern den Urtext nur auszugsweise, und angesichts der sich summierenden editorischen Mängel ihrer Ausgabe fällt es schwer, ihnen mehr zu vertrauen als dem Autor. Ideal wäre ein Paralleldruck beider Fassungen gewesen, die Überlieferung des Urtextes im Kleingedruckten jedoch das mindeste, was man von einer textkritischen Leseausgabe erwarten kann.

So bleibt das Beste an dieser Edition der sensationell günstige Preis, zu dem sie im Jubiläumsjahr auf den Markt geworfen wurde. Sie enthält weniger Spreu, als zu befürchten war, und überrascht mit manchem goldenen Korn. Dazu gehört eine Glosse, die Kästner auf das Goethejahr 1949 geschrieben hat, und die es wirklich verdiente, zum Goethe- und Kästnerjahr fünfzig Jahre später wiedergedruckt zu werden. Die Glosse schließt mit den Worten: "Von der falschen Feierlichkeit bis zur echten Geschmacklosigkeit wird alles am Lager sein, und wir werden prompt beliefert werden. Am Ende des Jubiläumsjahres - wenn uns bei dem Wort ´Goethe´ Gesichtszuckungen befallen werden - wollen wir´s uns wiedersagen. Die Schuld trifft das Vorhaben. Goethe, wie er´s verdient, zu feiern, mögen ein einziger Tag oder auch ein ganzes Leben zu kurz sein. Ein Jahr aber ist zu viel."

Erich Kästner: Werke in 9 Bänden. Herausgegeben von Franz Josef Görtz. Hanser Verlag, München 1998, 5200 Seiten, öS 723,--

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