Der Reichstagsbrand

Alexander Bahar/Wilfried Kugel

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Pappmaché

Kommentar zu einer Fernseh-Dokumentation des Südwestrundfunks (SWR)
Neues vom Reichstagsbrand, gesendet am 26. Februar 2003

4. März 2003

Vor kurzem gab es Berichte, nach denen Volksschauspielerin Inge Meysel einem Wunderheiler zum Opfer gefallen sei, der bei ihr sogar eingezogen sein soll. Ähnlichem scheint der SWR anheim zu fallen.
Der Sender strahlte am 26. Februar 2003, dem Vorabend des 70. Jahrestags der Reichstagsbrandstiftung, eine neu produzierte Sendung aus. Wären nicht Aufnahmen in Farbe gewesen, man hätte glauben können, dies sei die Wiederholung einer ca. 40 Jahren alten Produktion, denn alle späteren Ergebnisse der historischen Forschung sind offenbar und erstaunlicherweise an den Autoren Tina Mendelsohn und Gerhard Brack sowie dem Redakteur Oliver Merz spurlos vorübergerauscht.

Schmerzlich zu vermissen war insbesondere auch eine Darstellung des historischen Zusammenhangs, nämlich der Massenverhaftungen von Kommunisten und Sozialdemokraten ab dem 27.2.1933, vor der entscheidenden Reichstagswahl vom 5.3.1933, und der Kassierung der kommunistischen Reichstagsmandate nach der Wahl, Voraussetzungen für Hitlers Diktatur. Damit wurde dem Zuschauer aber ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der jahrzehntelangen Kontroverse um die Schuld oder Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand vorenthalten.

In der Sendung trat das altbekannte Inventar der einschlägigen Forschung auf. Der "Amateurforscher" und ehemalige Verfassungsschutzbeamte Fritz Tobias, der seit 1959 die sogenannte "Alleintäterthese" des van der Lubbe und die Unschuld der Nazis predigt, diesmal extravagant in der Rolle eines Opfers: "Der Reichstagsbrand hat mich Stellung, Beruf und Elternhaus gekostet" (vom SWR unkommentiert). Der ihn seit 1964 begleitende wissenschaftliche Gutachter, Prof. Hans Mommsen, resümierte: "Wir waren, indem wir die Nazis entlasteten, natürlich in der Nähe der Neo-Nazis; also wir heißt Tobias und ich."

Die Sendung zeigte auch (offenbar angeregt von Mommsen) einen Beitrag im "Brockhaus", der die "Alleintäterschaft" (nach Tobias und Mommsen) als "weitgehend gesichert" bezeichnet. (Ein Off-Sprecher zitierte dagegen falsch: "wissenschaftlich gesichert"!) Ein Blick in das größte deutsche Nachschlagewerk, "Meyers Enzyklopädisches Lexikon", oder gar über den Tellerrand hinaus in das weltgrößte Lexikon, die "Encyclopaedia Britannica", hätte den Autoren jedenfalls leicht andere Auffassungen vermitteln können.

Tatsächlich galt die durch Augsteins Spiegel beförderte "Alleintäterthese" von Tobias und Mommsen in Deutschland lange Zeit als "amtlich". "Haben Tobias und Mommsen recht?", hinterfragte die Sendung vielleicht zum tausendstenmal - um darauf zum ebenfalls tausendstenmal quälend zu zweifeln: "Oder vielleicht doch nicht?" Diesen Zweifel durften dann einige Interviewpartner (u. a. Prof. Hofer, Dr. Schmädeke sowie Albrecht Brömme, Chef der Berliner Feuerwehr) illustrieren. Fixpunkte blieben jedoch Fritz Tobias und Hans Mommsen, die sich vor laufender Kamera erneut diskreditierten.

Vorab hatte der SWR in Pressemitteilungen verkündet, es gebe eine mysteriöse "bisher übersehene Spur", die dann auch den "roten Faden" der Sendung bilden sollte. Ein "Zeitgeschichts-Forscher" habe die neue Spur aufgezeigt; dieser wurde in der SWR-Sendung folgendermaßen vorgestellt: "Hersch Fischler ist Sohn von Holocaust-Überlebenden. Unter akademischen Fachkollegen [sic!] gilt der nichtstudierte Historiker als Außenseiter. Er lebt von den Medien und sie von ihm." Weiter O-Ton Fischler (der auch wechselnd als Diplom-Soziologe, Politologe, Historiker, Publizist, Enthüllungsjournalist, freier Journalist oder Privatforscher auftritt): "Ich bin Außenseiter in dem Sinne, daß ich also es nicht sehr leicht habe, in den Medien präsent zu sein. Ich muß mir das jedesmal erkämpfen mit wirklich neuen und auch als sensationell geltenden [sic!] Funden." Weiter O-Ton SWR: "Die neue Spur der Abgeordneten-Schilder. Er ist auf sie gestoßen. Eine Kriegserklärung für Fritz Tobias." O-Ton Tobias: "Hersch Fischler. Ich nenne ihn also einen Psychopathen und einen Pseudologen, weil er Dinge vertritt [...], die völlig widersinnig sind." In diesem Punkt muß man Tobias wohl ausnahmsweise einmal nicht widersprechen. Auf den mehr als 50.000 Seiten der Originalakten von Reichstagsbrandkommission, Reichsgericht, Oberreichsanwalt und Gestapo findet sich kein einziger Hinweis darauf, daß die Pappschilder der Abgeordneten bei der Reichstagsbrandstiftung von 1933 eine wesentliche Rolle spielten.

Die angeblich sensationelle "neue Spur" beruht auf fragwürdigen Aussagen des ehemaligen Kriminal-Kommissars Walter Zirpins, der 1961 vor dem Amtsgericht Hannover als Entlastungszeuge für den mutmaßlichen "technischen Leiter" der Reichstagsbrandstiftung, den damaligen SA-Sturmführer Hans Georg Gewehr auftrat (welcher in der Sendung nicht genannt wurde, dessen Foto aber in der Sendung unvermittelt und nicht kommentiert auftauchte). In diesem Zusammenhang behauptete Zirpins erstmals, van der Lubbe habe seinerzeit ausgesagt, die Pappschilder zur Brandstiftung benutzt zu haben. Laut den Vernehmungsprotokollen dagegen hat van der Lubbe 1933 diese Namensschilder aber nie erwähnt, wie auch die SWR-Sendung zugeben mußte. Zirpins' offenkundige Absicht war es 1961 wohl, die Alleintäterschaft van der Lubbes technisch möglich erscheinen zu lassen und damit Gewehr zu entlasten, gegen den seit 1960 auch ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Brandstiftung am Reichstagsgebäude lief.

Ausgerechnet Zirpins gerät nun der unbedarften SWR-Redaktion zum Kronzeugen für die ersten Stunden nach dem Reichstagsbrand. Sachlich falsch wird in der SWR-Sendung behauptet, Zirpins habe van der Lubbe am Brandabend (27.2.1933) als erster auf der Wache Brandenburger Tor bis zum nächsten Morgen um 2 Uhr vernommen. Richtig ist, daß in der Brandnacht Kriminalkommissar Helmut Heisig die ersten offiziellen Vernehmungen mit van der Lubbe im Berliner Polizeipräsidium führte. Die erhaltenen Dokumente belegen dies eindeutig. Bei den zur Illustration der falschen Angaben des SWR gezeigten Dokumenten handelt es sich um Protokolle späterer Vernehmungen (28.2.-2.3.1933) van der Lubbes durch Zirpins. Diesen Protokollen zufolge erwähnte van der Lubbe die ominösen Pappschilder mit keinem Wort! Später nennt die SWR-Sendung Zirpins sogar "Chefermittler". Auch dies ist falsch. Zirpins gehörte nicht einmal der Reichstagsbrandkommission an und vernahm van der Lubbe lediglich 2 ½ Tage im Sonderauftrag. Wollten die Autoren des Films Zirpins' Rolle aufwerten, um seinen Angaben von 1961 bezüglich der Pappschilder mehr Gewicht zu ver-leihen? Oder wurde hier einfach nur geschlampt?

Aber warum überhaupt "Sensationen" á la Fischler als "roter Faden" für die Sendung, warum die Frage zu Beginn der Sendung, ob nun die Geschichte des Reichstagsbrandes (wegen der Pappschilder?) neu geschrieben werden müsse?

SWR-Redakteur Oliver Merz ist mit Hersch Fischler schon länger bekannt, spätestens seit der Sendung von 1998: Blutige Beute. Das SS-Raubgold und die verschwundenen Akten von Oliver Merz et al, in der Fischlers hochspekulative Thesen dargestellt wurden. Kommentar des Jüdischen Weltkongreß' sowie des Direktors der Londoner Raubgold-Konferenz, Elan Steinberg, dazu: "Fehlinterpretation". Fischler, der auch schon länger mit dem Co-Autor der SWR-Sendung, Dr. Brack, befreundet ist, wußte bereits früher Sensationelles zum Reichstagsbrand zu berichten, so u.a. in einem "Exklusiv-Bericht" des Boulevard-Blattes "Super-Illu" (2000) aus angeblichen "Geheim-Akten des ZK", die allerdings bereits 1982 in der DDR in Buchform veröffentlicht worden waren. Hier war ein Schornsteinfeger die "neue Spur". An anderer Stelle gerieten Fischler die Deutschnationalen zu Hintermännern der Brandstiftung, an wieder anderer Stelle sah er ominöse Holländer am Werke. Die "Sensationen wechseln je nach Saison. Fischlers neueste "neue Spur", die er dem SWR unterjubelte, stellte er bereits 1998 in der Tageszeitung "Junge Welt" vor, dann 2001 mit Hilfe von Dr. Brack erneut in der "Netzeitung".

Die nach Auswertung der seit Anfang der 90er Jahre wieder zugänglichen Akten der Reichstagsbrandkommission von 1933 vorliegenden umfangreichen neuen Forschungsergebnisse (vgl. Alexander Bahar / Wilfried Kugel "Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird", edition q, Berlin 2001) spielten in der SWR-Sendung keine Rolle. Neue Indizien für einen SA-Brandstiftertrupp und NS-Drahtzieher (Goebbels, Göring, Ernst) wurden schlicht ignoriert. Statt dessen entstand ein Beitrag mit Requisiten aus der Mottenkiste, der sich zudem streckenweise auf dem Niveau von Boulevard-Zeitungen bewegt. Hierzu nur ein Beispiel. O-Ton Tobias in der Sendung: "Er [van der Lubbe] ist 'reingeklettert, hat die Scheiben eingeschlagen mit seinen Kohlenanzündern, ist da eingedrungen in das Reichstagsgebäude, ist durch die Gänge gerannt". Allerdings ist bis heute völlig unklar, ob überhaupt und wie van der Lubbe ohne Werkzeug 8mm starke Doppelscheiben eingeschlagen haben soll, jedenfalls weder mit seinen Händen oder Füßen, noch mit Kohlenanzündern. Die Feuerwehr brauchte dafür eine Axt! Auch darauf geht die SWR-Sendung leider nicht ein und läßt die verwirrte Äußerung von Tobias, wie auch viele andere Ungereimtheiten kommentarlos stehen.

Demaskierendes Selbsturteil der Sendung (O-Ton): "Wirklich sicher wissen wir über den wichtigsten historischen Kriminalfall kaum etwas." Dies war beim Dilettantismus der beteiligten Mitarbeiter allerdings auch nicht anders zu erwarten. Der Sender hat die Chance vertan, den aktuellen Forschungsstand zu dokumentieren. Für den Gebühren zahlenden deutschen Fernsehzuschauer ist die solchermaßen schlampige Produktion eines öffentlichrechtlichen Senders ein echtes Ärgernis. Dem Spiritus rector der Sendung, Hersch Fischler, verschaffte sie aber sicher die erwünschte Publicity.


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