Der Reichstagsbrand

Ansgar Klein / Birgit Böhme

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Diskussionsforum zum Reichstagsbrand

  1. Zielsetzungen des Diskussionsforums
  2. Von der Reichstagsverhüllung zum Reichstagsbrand - Politische Symbolik und ihre historischen Tiefenschichten
  3. Die politische Bedeutung des Reichstagsbrandes
  4. Nazis oder van der Lubbe? - Ein kurzer Überblick über den bisherigen Diskussionsverlauf zur Täterfrage
  5. Unfruchtbare geschichts"wissenschaftliche" Frontenbildung
  6. Neue Quellenlage
  7. Einladung zur Beteiligung
  8. Die Startbeiträge des Forums

Blick auf Westseite des Reichstagsgebäudes
Quelle: Sluik/Kuppershoek: Radau,
Tatortfoto´s Marinus van der Lubbe (1933),S´-Gravenhage 1994

  1. Zielsetzungen des Diskussionsforums

    Warum ein Diskussionsforum zum Reichstagsbrand?

    1. Der Reichstagsbrand ist der wohl bedeutendste politische Kriminalfall in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Offene Fragen der Täterschaft könnten nicht nur zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Marinus van der Lubbe führen, der am 23.12.1933 wegen einer Tat zum Tode verurteilt wurde, für die - selbst wenn er den Reichstag in Brand gesteckt haben sollte - zum Zeitpunkt der Tatausübung das Strafmaß der Todesstrafe überhaupt nicht vorgesehen gewesen war. Die Mängel des Reichstagsbrandprozesses als einem Exempel politischer Justiz sollten näher beleuchtet werden.

    2. Mit der Aufwertung des Reichstagsgebäudes zum Sitz des Deutschen Bundestages ist ein Bedeutungszuwachs des Reichstages als politisches Symbol der Demokratie des vereinten Deutschland gegeben. Dieser Umstand verleiht den Diskussionen über Täter und Hintergründe des Reichstagsbrandes ein neues politisches Gewicht.

    3. Die verhärteten Diskussionsfronten der an der Debatte um den Reichstagsbrand beteiligten Kontrahenten scheinen einer vorbehaltlosen Prüfung neu zugänglicher Quellenbestände eher im Wege zu stehen. Die Verfechter der Einzeltäterthese (Marius van der Lubbe) und die Verfechter der Nazitäterschaftsthese haben sich seit den 60er Jahren gestritten. Verhärtete Feindbilder und wechselseitige Bezichtigungen machen es beinahe unmöglich, Stärken und Schwächen der jeweils vertretenen Positionen nüchtern abzuwägen. Die historische Fachpublizistik weicht den ungeklärten Fragen zumeist aus, um sich nicht in die Schußlinie unversöhnbarer Kontrahenten zu begeben. Die Thesen von Hersch Fischler bieten unserer Meinung nach eine interessante Kritik des bisherigen Diskussionsverlaufes durch einen Autor, der - gemessen an den etablierten Positionen - eine unkonventionelle Deutung der Täterschaft wie auch der zeitgeschichtlichen Hintergründe des Reichstagsbrandes vorlegt 1.

    4. Die offenen Fragen der Täterschaft und die neue Quellenlage könnten die historisch bedeutsame Diskussion zur nationalsozialistischen Machtergreifung um wichtige Erkenntnisse bereichern 2.

    Vor diesem Hintergrund hat die KULTURBOX 1995 beschlossen, das Risiko zu wagen, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Seit 1999 führen Dr. Ansgar Klein und Birgit Böhme (Zentral- und Landesbibliothek Berlin) das Diskussionsforum weiter. Als Medium bietet das Internet die Möglichkeit einer offenen und kontroversen Diskussion, wie sie in den Fachzeitschriften derzeit kaum möglich erscheint. Die Redaktion versteht sich als Moderator der Diskussion. Wir hoffen, daß die Wiederaufnahme der Debatte zur Einbeziehung und Prüfung der neuen Quellenlage führt und die Diskussion eventuelle Schwachstellen der bisherigen historischen Deutungen beleuchten kann.

  2. Von der Reichstagsverhüllung zum Reichstagsbrand - Politische Symbolik und ihre historischen Tiefenschichten

    Die KULTURBOX Berlin hat sich erstmals im Zusammenhang mit einer ausführlichen Berichterstattung und Diskussion über die Reichstagsverhüllung mit der Geschichte des Reichstages befaßt. An der Reichstagsverhüllung interessierte uns insbesondere der Aspekt der politischen Symbolik 3. Als Kontrapunkt zur Reichstagsverhüllung rückte immer mehr der Reichstagsbrand in den Mittelpunkt des historischen Rückblicks - ein Fanal, das eine wesentliche Rolle bei der nationalsozialistischen Machtergreifung gespielt hat.

    An der Frage, wer den Reichstag am Abend des 27. Februar 1933 in Brand gesteckt hat, hat sich seit den 60er Jahren ein heftiger Streit in der deutschen Geschichswissenschaft sowie in der Öffentlichkeit entzündet, der bis heute fortdauert. Uns wurde immer deutlicher, daß die entstandenen Diskussionsfronten einer Versachlichung der Diskussion nicht gerade förderlich waren und sind. Dieser Eindruck stand Pate bei der Idee eines Diskussionsforums zum Reichstagsbrand.


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