Der Reichstagsbrand

Hersch Fischler

Hans Schneiders unvollendetes Manuskript "Neues vom Reichstagsbrand?"

Ein unbequemer Forschungsbericht und seine Unterdrückung im Münchner Institut für Zeitgeschichte

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Dieser Band publiziert ein Manuskript des studierten Historikers und Oberstudienrats Hans Schneider, das 1962 im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) zur Publikation in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, der Fachzeitschrift des Instituts, geschrieben worden war. Der Titel lautete: Neues vom Reichstagsbrand?, der Gegenstand war die Überprüfung der in den Jahren 1959 und 1962 unter großer öffentlicher Beachtung von Fritz Tobias zunächst im Magazin "Spiegel", dann in einem Buch publizierten These der Alleintäterschaft Marinus van der Lubbes und Nichtbeteiligung der Nationalsozialisten an der Reichstagsbrandstiftung vom 27. Februar 1933. Es blieb mit 56 Schreibmaschinenseiten Text und mehreren hundert Anmerkungen unvollendet und ist zuvor nie publiziert worden. Das Manuskript war mir im Jahre 1992 bei einem Besuch des IfZ- Archivs aufgefallen1, aber ich nahm mir damals nicht die Zeit es gründlicher zu lesen, weil mir der Autor unbekannt war und ich mir sagte, es könne keine relevanten Erkenntnisse enthalten, sonst wäre es wohl publiziert worden oder ich hätte zumindest vom Autor schon etwas gelesen. In den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte es eine lebhaft geführte Kontroverse über die Alleintäter-These gegeben, in der Hans Schneider publizistisch nicht hervorgetreten war.

Im Sommer des Jahres 2000 wurde ich bei einem Besuch im IfZ Archiv auf das Manuskript erneut aufmerksam, auch weil mich Gerhard Brack, ein zum Reichstagsbrand arbeitender Journalist und Filmautor erneut auf es aufmerksam gemacht hatte, und widmete ihm mehr Zeit als zuvor. Ich kam bald zum Ergebnis, dass ich mich mit meiner früheren Vermutung geirrt hatte und das Manuskript sehr wohl relevante Erkenntnisse für die Diskussion um den Reichstagsbrand enthält. Es lieferte bereits 1962 eine sehr gründliche, auf den im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte befindlichen Quellendokumenten zum Reichstagsbrand beruhende Erschütterung und Zurückweisung der von Fritz Tobias in den Jahren 1959 in einer "Spiegel"-Serie und 1962 in einem Buch vorgebrachten Alleintäterschaft Marinus van der Lubbes.2 Als ich dann im gleichen Bestand eine Aktennotiz ("Unterredung mit Rechtsanwalt Dr. Delp betr. Rechtsanlage in der Angelegenheit Schneider")3 des damaligen IfZ-Mitarbeiters Hans Mommsen vom November 1962 fand, in der dieser festhielt, das Institut habe ein Interesse, die Publikation Schneiders insgesamt zu verhindern, weil "aus allgemeinpolitischen Gründen eine derartige Publikation unerwünscht zu sein scheint" und Wege vorschlug, wie die Publikation, selbst mit rechtlich fragwürdigen Methoden: Entzug des Zugangs zu Quellenmaterialien und Druck auf Hans Schneider über seine obersten Vorgesetzten im Kultusministerium Baden-Württemberg, verhindert werden könne, begann ich mich intensiver mit der Geschichte des Manuskripts und den damaligen Vorgängen im Institut für Zeitgeschichte zu befassen. Denn 1964 hatte gerade Hans Mommsen in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, einen umfangreichen, im Auftrag des Instituts verfassten Beitrag unter dem Titel "Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen"4 veröffentlicht, der als Resultat einer vom Institut für Zeitgeschichte 1960 in Auftrag gegebenen Überprüfung der Tobias-These vorgestellt wurde. Mommsens Beitrag hatte Tobias´ Alleintäterthese uneingeschränkt bestätigt und sich dafür auf die Quellenmaterialien des Instituts berufen. Er zeitigte eine große Wirkung weil zahlreiche Historiker im Vertrauen auf die Kompetenz des IfZ und seiner Fachzeitschrift die Alleintäterthese als gesichert übernahmen.

Bei einer Überprüfung der Ergebnisse von Mommsens Aufsatz an Hand der Quellenmaterialien zum Reichstagsbrand im Archiv des Instituts war ich 1992 zu dem Ergebnis gelangt, dass Mommsens Bestätigung der Tobias-These grob fehlerhaft war und unhaltbar ist. Eine umfangreiche Fehlerliste, die dieses Ergebnis dokumentierte hatte ich damals Hans Mommsen und der Leitung des IfZ, Prof. Dr. Horst Möller zugesandt.5 Hans Mommsen hatte mir mit kurzem Brief geantwortet, meine Kritik sei in allen relevanten Punkten verfehlt, er habe momentan aber keine Zeit, auf die Fehlerliste im Detail einzugehen.6 Dies hat er bis heute nicht unternommen. Für das Institut hatte Hermann Graml geantwortet. Er schrieb mir damals, ich hätte zweifellos einige Schwachstellen in der Argumentation von Fritz Tobias und Hans Mommsen wiederentdeckt, dazu einige Fehler die noch niemand entdeckt habe, aber das bringe uns der Wahrheit in der Täterfrage noch keinen Schritt weiter. Abgesehen davon, dass das Institut "derzeit keinen Mitarbeiter habe, der sich als Reichstagsbrand-Experte bezeichnen könnte" sei das IfZ "eben nicht eine Art zeitgeschichtliches Notariat, in dem Forschungsergebnisse beurkundet werden könnten."7 Im Dezember 1993 lehnten die Vierteljahrshefte die Publikation einer von mir verfassten Notiz ab, die eine Kritik an der Tobias-These und ihrer Bestätigung durch Hans Mommsen an Hand der Quellenmaterialien des Instituts und an Hand nach dem Mauerfall aus ehemaligen DDR-Archiven zugänglich gewordenen Quellenmaterialien des Reichstagsbrandverfahrens 1933 lieferte. Die Publikation dieser Notiz wurde mit der Begründung abgelehnt, ich hätte den Inhalt dieser Notiz bereits an anderer Stelle, mit einem Report im Rheinischen Merkur, publiziert. Dies war aber nicht der Fall, weil dieser Report sich primär kritisch mit dem Urteil des Reichsgerichts im Reichstagsbrandprozess 1933 gegen van der Lubbe befasste und nicht mit der Alleintäterthese von Tobias und Mommsen.8


1 Hans Schneider: Neues vom Reichstagsbrand?, IfZ Archiv, ZS-A7, Bd 4. [Zurück zum Text]
2 "Der Spiegel": "Stehen Sie auf, van der Lubbe " Der Reichstagsbrand 1933 - Geschichte einer Legende /Nach einem Manuskript von Fritz Tobias , Heft 43/1959 bis Heft 1-2/1960, und Fritz Tobias: Der Reichstagsbrand, Legende und Wirklichkeit, Grothe 1962. [Zurück zum Text]
3 Aktennotiz Unterredung mit Rechtsanwalt Dr. Delp betr. Rechtslage in der Angelegenheit Schneider, gez. Hans Mommsen, IfZ Archiv, ZS-A7 Bd.3/I. [Zurück zum Text]
4 Hans Mommsen, Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen, in: VfZ (Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, München), 1964, S. 351-413. [Zurück zum Text]
5 Schreiben Hersch Fischler an IfZ, Prof. Dr. Horst Möller, vom 14.9.1992 und an Prof. Dr. Hans Mommsen vom 8.9.1992, Die Fehlerliste ist inzwischen publiziert. Hersch Fischler, Fehlerliste zu: Hans Mommsen: Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1964, Seiten 351 ff. in Reichstagsbrandforum der Landesbibliothek Berlin, http://www.zeitreisen.de/kulturbox-archiv/brand/fischler-fehler.htm. [Zurück zum Text]
6 Schreiben von Prof. Dr. Hans Mommsen an Hersch Fischler vom 22.9.1992. [Zurück zum Text]
7 Schreiben IfZ, Hermann Graml an Hersch Fischler vom 22.10.1992. [Zurück zum Text]
8 Schreiben VfZ, Dr. Hans Woller an Hersch Fischler vom 13.1.1994; vgl. Hersch Fischler Das falsche Urteil zum Reichstagsbrand", in: Rheinischer Merkur Nr. 59/10.12.1993. [Zurück zum Text]


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