Der Reichstagsbrand


"Neue Spuren"

Interview mit Hersch Fischler

Quelle: Programmheft zum Stück "Aus Protest! Der Reichstagsbrandstifter Marinus van der Lubbe"
Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele
Regie Ronald Steckel, Uraufführung: 16. Oktober 2000
das Interview führte Dieter Böck (Dramaturg)



Herr Fischler, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Geschichte des Reichstagsbrands, seinen Hintergründen und Folgen. Nach wie vor ist das Rätsel ungelöst. Es gibt viele verschiedene Theorien über die konkrete Rolle von Marinus van der Lubbe beim Brand, die z.T. sehr dezidiert vorgetragen werden. Wirkliche Beweise aber gibt es bislang nicht. Glauben Sie, daß sich der Fall heute, nach so langer Zeit, noch aufklären lassen könnte?

Zuständig und ausgerüstet für die Aufklärung von Brandstiftungen sind Polizei und Justiz, nicht Geschichtswissenschaftler. Die Reichstagsbrandstiftung ist heute verjährt, deshalb befassen sich Polizei und Justiz nicht mehr mit dem Fall. Will man beurteilen, ob sich der Fall trotzdem noch aufklären läßt, muß man sich die bisherigen Ermittlungsverfahren anschauen.

1933 wurden die Ermittlungen von Beginn an politisch gesteuert und behindert. Göring als oberster Chef der Polizei ließ noch am Brandabend eine Sonderkommission bilden, in der nicht das fachlich zuständige Branddezernat, sondern die politische Polizei die Leitung hatte. Er schrieb die Brandstiftung sofort den Kommunisten zu und die Ermittler waren gehalten, nur unter Linken nach Tätern zu suchen. Stolperten sie über Verdächtige, die sich zu den Nationalsozialisten bekannten oder diesen nahestanden wurden die fadenscheinigsten Alibis akzeptiert, um die Ermittlungen einzustellen. Denunziationen gegen Kommunisten und Linke, egal wie absurd sie waren, wurden sofort mit Sorgfalt ermittelt. So hielt man die Kriminalisten auf falschen Fährten beschäftigt. Die Kriminalisten erkannten schnell, daß Marinus van der Lubbe nicht Alleintäter gewesen war und daß er gern alle Schuld auf sich nahm. Da die relevanten Spuren zu Tätern führten, die sie nicht verfolgen durften, war es für sie mitunter am einfachsten, von einer Alleintäterschaft auszugehen.

Gegen die einseitigen Ermittlungen fehlten damals Korrektive. 1933 hatten die Nationalsozialisten schnell ihre Diktatur in weiten Teilen errichtet. Eine freie Presse, die Einseitigkeiten der Ermittlungen aufdeckte, gab es nicht mehr. Die Verteidiger der Angeklagten waren im Sinne der Nationalsozialisten zuverlässige Pflichtverteidiger, die keine unliebsamen Beweisanträge stellten. Der für die Gerichtsverhandlung zuständige Senat des Reichsgerichts war bekannt dafür, Straftaten nur auf der linken und nicht auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu sehen und zu verfolgen. Die Spuren zu den tatsächlichen Tätern der Brandstiftung, auf die die Polizei gestoßen war, lagen gut verschlossen in den Archiven des Reichsgerichts, der Polizei und der Geheimen Staatspolizei, über sie zu reden wäre für alle Beteiligten aus Justiz und Polizei im III. Reich sehr gefährlich gewesen.

Nach dem Krieg wurden Verbrechen der NS-Zeit wieder untersucht. Was ergab sich zum Reichstagsbrand?

Polizei und Justiz in der Bundesrepublik haben von sich aus praktisch nichts unternommen, um den Fall noch einmal aufzurollen, obwohl allgemein die Überzeugung herrschte, daß die tatsächlichen Täter von seiten der Nationalsozialisten kamen und van der Lubbe nur Vorzeigetäter war. Die 1933 beteiligten Kriminalbeamten und Justizangehörigen hatten alle Gründe zu verschweigen, daß sie Spuren ins Lager der Nationalsozialisten nicht verfolgt hatten. Es hätte ihnen nur Strafverfolgung und ein Ende der Karriere gebracht. Überlebende Täter und Helfer hatten noch dringlichere Gründe zu schweigen.

Der Fall wurde nur noch einmal aufgerollt, im Jahr 1960, wenige Tage vor der Verjährung. Der ehemalige Assessor der Geheimen Staatspolizei und spätere Widerstandskämpfer Hans Bernd Gisevius, der 1933 Göring vertrauliche Berichte über den Reichstagsbrandprozess lieferte, erstattete Strafanzeige gegen einen SA-Führer, der 1933 innerhalb der Geheimen Staatspolizei gerüchteweise als Brandstifter gehandelt wurde. Interessanterweise liefen die Ermittlungen wieder ähnlich wie 1933. Es wurde nach den Ergebnissen der damaligen Untersuchung ermittelt. Befragt wurden die damals den Fall bearbeitenden Kriminalisten und Justizangehörigen, fast alle wieder im Amt und aufgestiegen. Die sagten praktisch einheitlich aus, es habe keine Spuren zu anderen Tätern als van der Lubbe gegeben, keine Spuren, die auf NS-Täter verwiesen, keine, die sie pflichtwidrig vernachlässigt hätten. Auch wo diese Aussagen fadenscheinig falsch waren, wurde nicht weiter ermittelt. Die Kriminalbeamten, die die neue Untersuchung leiteten, mußten gegen Kollegen ermitteln, die während des Krieges im Reichssicherheitshauptamt Heydrichs schon gute Kollegen gewesen waren. Das Strafverfahren wurde ergebnislos eingestellt.

Allerdings hatte es einen früheren Kriminalisten gegeben, der doch aussagte, die Täter seien aus dem Lager der Nationalsozialisten gekommen. Das war Rudolf Diels der erste Chef der Geheimen Staatspolizei. Er hatte sogar die Ermittlungen zum Reichstagsbrand geleitet. Nur war er nicht wieder in Amt und Würden, sondern war über Jahre nur zur Wiederverwendung vorgesehen. Er wurde immer unzufriedener. Mehreren Journalisten gegenüber berichtete er 1957 über Verdachtsmomente gegen Nationalsozialisten. Er starb bald darauf an Schußverletzungen aus seinem eigenen Jagdgewehr. Als Todesursache wurde Jagdunfall festgestellt.

Haben also die deutsche Polizei und Justiz letztlich die Aufklärung der Reichstagsbrandstiftung verhindert?

Es ist nicht so, daß man der bundesdeutschen Justiz und Polizei allein die Schuld geben kann. Große Verantwortung trugen auch die Sowjetunion und die DDR. Es gab in Westdeutschland in den fünfziger und sechziger Jahren Staatsanwälte und Kriminalisten, die ermitteln wollten. Die hatten aber schlechte Karten, denn die gesamten Ermittlungsakten lagen unzugänglich hinter dem eisernen Vorhang. Die Sowjets hatten sie überwiegend zusammen mit Akten der Gestapo 1945 beschlagnahmt und nach Moskau verschleppt. Dort lagen sie unter Verschluß. 1982 gelangten sie in die DDR, die sie ebenfalls unter Verschluß hielt.

Diese Akten liegen doch jetzt im Bundesarchiv in Berlin. Was kann man denn aus ihnen erkennen?

Aus den Ermittlungsakten ist vor allem zu erkennen, welche Kriminalisten und Juristen die damaligen Ermittlungen manipuliert und sich damit auch unter den damals geltenden Gesetzen strafbar gemacht hatten. Das konnten auch schon die Sowjets aus diesen Akten ersehen. Da diese Kriminalisten und Juristen meist in Westdeutschland lebten, wiederverwendet wurden und aufstiegen, bot sich den Sowjets die Möglichkeit, dieses Wissen auch anders zu nutzen, als zur Strafverfolgung. Es war im Kalten Krieg üblich, solche Kenntnisse für Erpressungen zu nutzen, um Mitarbeiter und Zuträger für die Nachrichtendienste zu gewinnen. Wahrscheinlich hat es die sowjetischen und kommunistischen Nachrichtendienstler auch aus "fachlichen" Gründen gereizt herauszukriegen, wie die Brandstiftung so geschickt organisiert, verschleiert und politisch genutzt worden war. Auch Täter waren ja eventuell noch nachrichtendienstlich einsetzbar. Wenn man noch erfahren kann, wie die Reichstagsbrandstiftung tatsächlich abgelaufen ist und wer die Täter waren, dann wahrscheinlich in entsprechenden Ermittlungsakten in sowjetischen Geheimdienstarchiven. Die sind aber bisher nicht zugänglich.

Waren denn wirklich wichtige Leute erpressbar?

Da war zum Beispiel ein Assessor der Geheimen Staatspolizei, der 1933 Zeugenaussagen manipulieren und verfälschen half, um Alibis für verdächtigte Nationalsozialisten zu konstruieren. Er hinterließ dafür handschriftliche Beweise, die dann in Moskau lagen. In den sechziger Jahren war er Ministerialdirektor in Bonn und beaufsichtigte den Verfassungschutz, den Staatsschutz, das Bundeskriminalamt, den Bundesgrenzschutz und andere zentrale Sicherheitseinrichtungen... In einem Buch zum Reichstagsbrand will ich den Fall behandeln.

War Marinus van der Lubbe mit seinem Geständnis der Alleintäterschaft ein Betrüger?

Ein Betrüger täuscht, um materielle Vorteile zu erlangen. Das wollte Marinus van der Lubbe nicht. Er war ein sonderbarer junger Mann aus einer armen, religiös beeinflußten Familie. Seinen religiösen Eifer übertrug er in sozialistische und kommunistische Ideen. Durch Unfälle war er fast erblindet und mit einer Minirente sehr arm. Andererseits war er körperlich sehr kräftig und sehr geltungsbedürftig. Er war ein Aktivist, kein Theoretiker, und interessierte sich für radikale umstürzlerische Gruppen. Wenn er mit einer Gruppe strafbare Aktionen unternahm und erwischt wurde, nahm er alle Schuld auf sich und schützte Mittäter. Er handelte eher zu seinem Nachteil.

Wie kann er für die Brandstiftung von den Nationalsozialisten mißbraucht worden sein?

Die Nationalsozialisten und ihnen nahestehende radikale Gruppierungen hatten damals eigene Nachrichtendienste für die Ausspähung der Kommunisten und Linken. Die suchten nach jungen tatdurstigen Aktivisten wie van der Lubbe, die man irreführen und für Provokationen nutzen konnte. Wegen seiner mangelnden Sehkraft war es besonders leicht, van der Lubbe etwas vorzuspielen, ohne in Gefahr zu geraten, daß er später viel verraten konnte.

Finden sich denn Hinweise und Spuren in den in Berlin liegenden Akten, die interessante neue Informationen liefern und erkennen lassen, wie van der Lubbe in die Brandstiftung geriet?

Eine sehr wichtiger Hinweis, der 1933 nicht verfolgt wurde, führt zu einem Bombenanschlag auf den Reichstag, der 1929 stattfand. Das Attentat ist heute völlig vergessen. Am 1. September 1929 ließen ehemalige Freikorpskämpfer eine Zeitbombe an der Nordseite des Reichstags explodieren. Die Bombenleger von 1929 kamen aus der Organisation Consul bzw. Brigade Ehrhardt, die in der frühen Weimarer Republik rechtsterroristisch aktiv war (z.B. Rathenau-Mord) und dann 1933 zeitweilig zu den Nationalsozialisten und zur SS stieß. Die Ermittler hätten 1933 dieser Spur sofort nachgehen müssen, taten dies aber nicht, selbst als sie aus der Bevölkerung auf sie hingewiesen wurden. Nach späteren Berichten eines Beteiligten und zeitgenössischen Zeugen war einer der Bombenleger von 1929 der später berühmt gewordene Schriftsteller Ernst von Salomon (1902-1972), der als Mitglied der Organisation Consul schon wegen Beihilfe beim Rathenaumord verurteilt worden war.

Die Reichstagsbrandstiftung weist in wichtigen Punkten erstaunliche Übereinstimmungen mit dem Attentat von 1929 auf. Die Ermittlungen wurden 1929 am Anfang in die falsche Richtung gelenkt, weil sich zwei geltunssüchtige Personen meldeten, die falsche Geständnisse ablegten und sich selbst der Tat bezichtigten. Ernst von Salomon kam 1929 in Untersuchungshaft wurde aber für den Bombenanschlag 1929 nicht verurteilt, andere Tatbeteiligte von der Justiz mit Nachsicht behandelt. Bei dem Attentat auf den Reichstag von 1933 sind offensichtlich Erfahrungen aus dem von 1929 sehr gekonnt verwertet worden.

Im Februar 1933 war Ernst von Salomon wieder in Berlin in der Organisation des Kapitän Ehrhardt aktiv. Andere Täter des Reichstagsattentats von 1929 waren zur SS gestoßen, blieben aber trotzdem bei Ehrhardt organisiert. Ehrhardt verfolgte die Strategie, einen kommunistischen Aufstandsversuch zu provozieren oder vorzutäuschen, um dann mittels einer Notverordnung die Weimarer Demokratie durch eine nationale Diktatur abzulösen und die Kommunisten auszuschalten. Hitler, Goebbels und Goering hatten diese Strategie übernommen. Die Reichstagsbrandstiftung wurde als Fanal für einen kommunistischen Aufstand ausgegeben, der mit Hilfe einer Notverordnung niedergeschlagen werden sollte, die dann die "nationale" Diktatur brachte. Die 1933 nicht verfolgte Spur zum Reichstagsattentat von 1929 wirft heute noch die Frage auf, ob sich die nationalsozialistischen Führer nicht der "bewährten" Terroristen der früheren Organisation Consul bedienten, um die Reichstagsbrandstiftung "professionell" durchführen zu lassen.


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