Der Reichstagsbrand


"1933 und die verflixten Namensschilder"

Über eine verheimlichte Spur zu Brandstiftern des Reichstages
Von Hersch Fischler

Veröffentlicht in: Junge Welt, 28.02.1998



Im Jahre 1961 mußte Dr. Walter Zirpins in einer Zeugenaussage vor dem Amtsgericht Hannover noch einmal über die Spurenlage bei der Reichstagsbrandstiftung vom 27. Februar 1933 aussagen. Der ehemalige Gestapo-Mitarbeiter und spätere Widerstandskämpfer Hans Bernd Gisevius hatte nach der Veröffentlichung der Alleintäterthese im »Spiegel« 1960 in einer Artikelserie der »Zeit« die Alleintäterschaft Marinus van der Lubbes bestritten und den ehemaligen SA- Führer Hans Georg Gewehr als einen der Haupttäter der Reichstagsbrandstiftung bezeichnet. Gewehr klagte auf Unterlassung dieser öffentlichen Anschuldigung und behauptete, der Vorwurf sei haltlos, da van der Lubbe Alleintäter gewesen und nie Spuren von Mittätern gefunden worden seien. Er benannte den damals ermittelnden Kriminalkommissar Walter Zirpins als Zeugen, der hierzu aussagen könne.

Vor dem Amtsgericht Hannover wurde Zirpins als Zeuge im Verfahren Gewehr/Gisevius vernommen. Zur Sache befragt, sagte er zunächst aus, daß er die polizeilichen Verhöre Marinus van der Lubbes vorgenommen und den polizeilichen Abschlußbericht zur Brandstiftung im Reichstag erstellt habe. Bei seinen Ermittlungen sei er zum Ergebnis gekommen, daß van der Lubbe Alleintäter war, weil er nur die Spuren von van der Lubbe gefunden habe:

»Mir ist aber erinnerlich, daß van der Lubbe schon bei seinem Verhör in der ersten Nacht die Brandstiftung beim Reichstag zugegeben hat. Schon bei dieser Vernehmung hat van der Lubbe ungefähr beschrieben, wie er die Tatausführung durchgeführt hatte.

Ich selbst kannte das Reichstagsgebäude nicht so genau, um schon bei dieser ersten Anhörung Einzelheiten festlegen zu können bzw. vorhalten zu können. Ich habe zunächst nur das niedergelegt, was mir van der Lubbe über die Tatausführung freimütig berichtete. Bei den weiteren Vernehmungen habe ich es dann so gehalten, daß van der Lubbe vor jeder Tatortbesichtigung mir genaue Angaben über die Tatausführung, den Tatweg und etwaige Spuren gemacht bzw. aufgezeichnet hat. Erst anhand dieser Feststellungen fand dann eine Tatortbesichtigung statt. Bei den Tatortbesichtigungen habe ich dann alle Spuren so wiedergefunden, wie sie van der Lubbe mir beschrieben oder aufgezeichnet hatte. Aus dieser Tatsache habe ich geschlossen, daß van der Lubbe allein gearbeitet haben mußte. Beim Zusammenwirken mehrerer Täter kann nicht jeder Täter über die Spuren des anderen im einzelnen unterrichtet sein.«

Ein Kriminalist in der Zwickmühle

Im Protokoll der Vernehmung von Zirpins finden sich kurz darauf auf Nachfrage des Rechtsanwalts von Hans Georg Gewehr folgende Erläuterungen: »Als Mittel der Brandstiftung im Reichstag hat van der Lubbe nach seinen Angaben zunächst Kohlenanzünder benutzt, die damals in jedem Berliner Geschäft erhältlich waren. Dann verbrannte er einen Teil seiner Sachen, d. h. er benutzte diese als Brandmittel. Als Brandmittel benutzte er dann weiter das brennbare Material, das er in den Toiletten neben den Küchenräumen vorfand, dann das Papier, welches er in dem Vorraum vor der Ja-oder- Nein-Tür des großen Sitzungssaales vorfand 'und zum Schluß die Schilder, die im Sitzungssaal benutzt wurden, um anzuzeigen, welches der Reichstagsmitglieder auf dem Podium gerade sprach. Van der Lubbe erklärte noch, er habe diese Namensschilder im Plenarsaal verstreut und sie hätten schön gebrannt.' (Hervorhebung mit ' - H.F.)

Den Plenarsaal des Reichstagsgebäudes konnten wir damals bei Ortsbesichtigungen kaum betreten, da er total zerstört war. (...) 'Van der Lubbe hat mir erzählt, daß er die bereits erwähnten Namensschilder in den Plenarsaal geworfen hätte und diese dort schön gebrannt hätten. Angebrannte Namensschilder habe ich im Plenarsaal, das heißt, in der Nähe des Podiums gesehen.'« (Hervorhebung mit ' - H.F.)

Bei den Namensschildern handelte es sich um ca. 600 einen Meter lange Pappschilder, auf denen die Namen der Reichstagsabgeordneten in Großschrift angebracht waren. Sie wurden im Raum H 63 hinter dem Podium in Schränken aufbewahrt. Während der Reichstagssitzungen wurden sie von Saaldienern einzeln aus den Schränken geholt und an der Ostseite des Saales angebracht, um den Namen des Redners anzuzeigen.

Ein Stenograf wird zum Zeugen

In den Protokollen der von Zirpins seinerzeit durchgeführten Vernehmungen van der Lubbes sucht man vergebens nach Aussagen über die Benutzung der Namensschilder als Brandmittel. In dem von Zirpins am 3. März 1933 verfaßten Abschlußbericht werden in der ausführlichen Tatrekonstruktion die Namensschilder ebenfalls nicht als Brandmittel angeführt. Auch in der Rekonstruktion des Brandweges van der Lubbes und seiner einzelnen Zeitabschnitte durch Kriminalkomissar Braschwitz und den Kriminalassistenten Raben vom 10. März 1933 werden die Namensschilder nicht erwähnt. Es wird lediglich vermerkt, daß van der Lubbe vor und nach dem ca. eindreiviertel Minuten kurzen Aufenthalt im Plenarsaal auch in Raum H 63 gewesen sein soll, wobei dies mit einem Fragezeichen versehen ist.

Am 12./13. März 1933 nahm Kriminalkommissar Bunge vom Branddezernat eine weitere Rekonstruktion der Brandstiftung mit van der Lubbe vor. Auch bei dieser Rekonstruktion führte van der Lubbe laut Protokoll die Namensschilder nicht an. Vielmehr gab er an, er sei mit einem Stück Vorhang durch den Plenarsaal gelaufen und habe so den Brand dort ausgelöst und verbreitet. Die Namensschilder wurden ihm laut Protokoll auch bei der Rekonstruktion nicht vorgehalten.

In der Anklageschrift und im Urteil wurden van der Lubbes Handlungen und sein Weg im Reichstag detailliert aufgeführt. Die Namensschilder würden aber nicht als Brandmittel genannt. Auch in den Verhandlungsprotokollen kommen sie nicht vor.

Zirpins führte 1961 die Namensschilder als Brandmittel auf den ersten Vorhalt des Klagevertreters, also von Hans Georg Gewehrs Anwalt, an. Er kam in eine verzwickte Lage: Die vorher nie erwähnten Namensschilder stellten eine Spur dar, die auf weitere Brandstifter hinwies und die 1933 bei den polizeilichen Ermittlungen unterdrückt worden war.

Wären sie 1961 als Hinweis auf eine mögliche Mittäterschaft Gewehrs vorgebracht worden, hätten sie zu weiteren Ermittlungen gegen Gewehr führen müssen. Zirpins wäre in den Ruch der Falschaussage im Reichtagsbrandprozeß und der Strafvereitelung geraten. Zwar waren diese Straftaten 1960 gerade verjährt. Doch als Leiter der Kripo Hannover hätte ihn ein Disziplinarverfahren erwartet.

Die Rolle der Namensschilder konnte er 1961 jedoch vor Gericht nicht verschweigen, ohne sich strafbar zu machen. Es gab noch mindestens einen Zeugen, der in höchstem Maße glaubwürdig war und der Angaben zur Verwendung der Namensschilder als Brandmittel machen konnte. Es handelte sich um den ehemaligen Reichstagsstenografen und späteren Bundestagschefstenografen Ludwig Krieger. Dieser hatte am Vormittag des 28. Februar 1933 festgestellt, daß Namensschilder aus den Schränken des Raumes 63 entnommen und zur Brandstiftung benutzt worden waren. Er hatte sogar angebrannte Namensschilder, die an der Schwelle des Durchgangs zum Plenarsaal liegengeblieben waren, an sich genommen und über den Krieg hinaus aufbewahrt.

Krieger informierte dann in den späten 60er Jahren das sogenannte Luxemburger Komitee, welches die von Fritz Tobias behauptete Alleintäterschaft van der Lubbes bestritt, über seine Kenntnisse und übergab auch angebrannte Schilder. Als weitere Beweismittel existierten noch ein Foto im Bundesarchiv, das angekohlte Namensschilder aus dem Reichstag zeigt, und ein Bericht der »Telegraphen Union« vom 3. März 1933, z. B. abgedruckt in der »Dortmunder Zeitung« vom 4. März 1933.

Indem Zirpins 1961 vor dem Amtsgericht auf Befragung von Gewehrs Anwalt gleich zu Beginn aussagte, van der Lubbe habe ihm gegenüber 1933 die Namensschilder als benutzte Brandmittel angegeben, »beseitigte« er eine Spur, die auf andere Täter der Brandstiftung als Marinus van der Lubbe hinwies. Er verhalf Gewehr auch zur Einstellung des gegen ihn laufenden Ermittlungsverfahrens, in dem er der Täterschaft an der Reichsbrandstiftung verdächtigt wurde. Denn Zirpins' Aussage im Zivilverfahren Gewehr/Gisevius wurde auch im Strafverfahren gegen Gewehr als Beweismittel herangezogen.

Gleichzeitig schützte Zirpins sich selbst vor den seit 1933 immer wieder erhobenen Vorwürfen, er habe seine Ermittlungen einseitig und manipulativ geführt, Marinus van der Lubbe falsch beschuldigt, Spuren unterdrückt und andere Täter durch Begünstigung im Amt geschützt. Zirpins und Hans Georg Gewehr genossen 1961 den Vorteil, daß damals die Ermittlungs- und Gerichtsakten zur Reichstagsbrandstiftung in der Bundesrepublik nur sehr bruchstückhaft in Abschriften und Auszügen verfügbar waren. Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, daß Gisevius und dessen Anwalt Zirpins' Falschaussage nicht aufdecken konnten.

Allerdings gelang es Gisevius' Anwälten doch noch, Zirpins in Bedrängnis zu bringen. Sie hielten ihm nach seiner Darstellung der Rolle der Namensschilder vor, er habe sich in der Süddeutschen Zeitung vom 23. Dezember 1953 (20. Jahrestag des Urteilsspruchs in Leipzig) ganz anders über die von Marinus van der Lubbe verwendeten Brandmittel geäußert. Dort wurde Zirpins wie folgt zitiert: Marinus van der Lubbe seien die Brandmittel schon vor dem Betreten des Plenarsaals ausgegangen. Bei den Tatortbesichtigungen habe van der Lubbe ihm gesagt, der Reichstag wäre noch viel stärker abgebrannt, wenn er im Plenarsaal noch Brennmittel außer den Resten seiner Jacke gehabt hätte.

Als es in der Vernehmung Zirpins vor dem Hannoveraner Amtsgericht darum ging, diesen Widerspruch zu erörtern, zog der Kriminalist plötzlich einen Umschlag aus der Tasche. Er teilte dem Richter mit, daß er herzkrank sei und sich nicht mehr in der Lage fühle, weiter auszusagen. Er entnahm dem Kuvert ein polizeiärztliches Attest, das ihm eine Herzerkrankung bestätigte. Der Richter brach die Vernehmung ab und entließ den Zeugen Zirpins.


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