Der Reichstagsbrand

Gerhard Hahn

Die Vorwürfe können belegt werden

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Replik auf Alexander Bahar und Wilfried Kugel.1
Vom 08.10.2002.


Alexander Bahar und Wilfried Kugel, Autoren des Buches "Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird" (edition q, Berlin 2001), fragen in ihrer Erwiderung in Form eines Leserbriefes vom 12. September 2001 im General-Anzeiger (Bonn) auf meine Rezension vom 23. Juni 2001, warum ich "nachweisbare Tatsachen" zu ihrer These der nationalsozialistischen Täterschaft des Brandes "verschweige" und welche "Motive" mich veranlasst haben, ihr Buch so scharf zurückzuweisen. Sie vermissen den Beleg meiner Vorwürfe. Wenn auch die Beweggründe meiner Kritik im Rahmen der Rezension bereits deutlich geworden sein müssten, so will ich dennoch noch einmal auf das besprochene Buch zurück kommen und auch zu dem Leserbrief der beiden Autoren Stellung nehmen.

Seit mehr als zehn Jahren befasse ich mich mit der Geschichte des Reichstagsgebäudes und des Reichstags, seiner berühmten Bibliothek, dem Brand von 1933 sowie der Nutzung des Gebäudes in der Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur Eroberung durch die Rote Armee am 2. Mai 1945. Meine Forschungen widme ich ebenso dem Bau und der Geschichte des Reichstagspräsidentenpalais2, das zusammen mit dem Tunnel, der vom Grundstück des Palais zum Reichstag führte, 1933 in die Spekulationen über den Brand einbezogen worden ist. Mein Buch "Die Reichstagsbibliothek zu Berlin - ein Spiegel deutscher Geschichte" (Droste Verlag, Düsseldorf, 758 Seiten) mit einem Kapitel über den Reichstagsbrand erschien im Herbst 1997. Aus dem Literaturverzeichnis im Werk von Bahar und Kugel geht hervor, dass sie das Buch kennen. Im Verlauf meiner historischen Untersuchungen bin ich, wie andere Autoren auch3, zu dem Ergebnis gekommen, dass der Niederländer und Anhänger einer marxistischen Splittergruppe Marinus van der Lubbe, der durch ein Fenster in das Reichstagsgebäude eingestiegen war und bei seinem Lauf durch das Gebäude im Plenarsaal Feuer legte, innerhalb von 10 Minuten den Vollbrand des Saales allein und ohne fremde Hilfe auslöste. Und nur um das Feuer im Plenarsaal geht es bei der Frage "Einzel-" oder "Mehrtäterschaft" bei der langjährigen Brandkontroverse. Neu erforschte örtliche und technische Voraussetzungen der schnellen Brandentstehung und explosionsartigen Entflammung des Plenarsaals untermauern den bisherigen Wissensstand zur Einzeltäterschaft und sichern ihn ab. An diesen Fakten sind sowohl die Brandsachverständigen und das Reichgericht 1933 sowie ein Brandgutachten aus dem Jahre 1970 wie auch die Reichstagsbrandforschung von Bahar und Kugel vorbei gegangen. In meiner Rezension konnte ich das nur kurz andeuten. In einem Buch werde ich die Brandvoraussetzungen, die im Plenarsaal herrschten, und das Auslösen des Brandes durch van der Lubbe darlegen. Das Buch erscheint 2003 unter dem Titel "Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933. Entstehung und Täterschaft". In dem Buch wird auch ausführlich zu den politischen Implikationen des Brandes und zu den Hauptthesen des Werkes von Bahar und Kugel Stellung zu nehmen sein.

Quintessenz meiner Kritik am Buch von Bahar/Kugel

Bahar und Kugel bemängeln an meiner Rezension, dass ich meine "Vorwürfe" in dem vorgegebenen Rahmen nicht belegte. Auch an dieser Stelle kann ich nur zusammenzufassen: Ihr Werk enthält eine Kompilation und Aneinanderreihung von Vermutungen, Hypothesen und Behauptungen, wie es, wenn es die Nazis waren, gewesen sein könnte. Die Autoren befassen sich dabei aber in weiten Teilen mit Teilthemen, die für den Brand und seine Entstehung gar nicht von Belang sind. Ihr Ausgangsfehler besteht darin, dass sie sich an die falschen und überholten Brandgutachten von 1933 und 1970 sowie an die Anklageschrift und die Urteilsbegründung des Reichsgerichts aus dem Jahre 1933 mit der falschen Präparierungstheorie klammern. Die in dem Buch von Bahar und Kugel wiedergegebenen Sachverhalte, so bedeutungslos sie für die Erklärung des Brandes sind, werden auf die vorgefasste Meinung der Autoren über eine Nazi-Täterschaft zugeschnitten. Dabei wird alles aus der umfangreichen Literatur zum Brand übernommen und glaubhaft zu machen versucht, was die Nazis als die Urheber verdächtigt. Sie zeichnen dabei ein großes Truggebilde. Die Textauswertung ist im einzelnen unsauber und oft verfälschend. Viele Beispiele können als Beleg für diesen schwerwiegenden Vorwurf herangezogen werden. Zitate werden aus dem textlichen Zusammenhang herausgerissen, der als Ganzes ein anderes Bild ergibt. Als ein Beispiel für die "zweckgerichtete" Textauswertung durch Weglassen gegenteiliger Mitteilungen im gleichen Dokument sei, pars pro toto, die Willi-Münzenberg-Biographie von Babette Gross genannt.4 Quellenkritik, die bei diesem Thema besonders beachtet und intensiv betrieben werden müsste5, ist Bahar und Kugel fremd. Selbst ganz offenkundiger Unsinn, den die bisherige Literatur zum Brand hervorgebracht hat, wird nicht nur unkritisch, sondern suggestiv glaubhaft gemacht in das eigene Gedankengebäude übernommen. Falsche, oberflächliche oder verbrämte Berichte aus der NS-Presse, auch Erklärungen von NS-Politikern, z.B. Teile aus Görings falschen amtlichen Verlautbarungen unmittelbar nach dem Brand, werden, wenn es passt, auf leichtfertige Weise aufgenommen. Von kommunistischer Seite gefälschte Dokumente oder ersonnene Geschichten, die eine NS-Täterschaft beinhalten, werden, selbst wenn die Fälschungen leicht zu erkennen und wissenschaftlich erwiesen sind (z.B. beim "Ernst-Geständnis" oder "Oberfohren-Memorandum"), übernommen und oft noch beschönigt. Nicht bestreitbare sachliche Fakten werden, wenn sie nicht in das eigene Darstellungsgebäude passen, einfach in Abrede gestellt oder stillschweigend übergangen. Bereits die 1933 und 1934 von kommunistischen Emigranten frei erfundenen Theorien, z.B. vom Weg der NS-Brandstifter (gemeinsam mit van der Lubbe) durch das Reichstagspräsidentenpalais und den Rohrtunnel6, oder beispielsweise die 1946 von Hans Bernd Gisevius erzählte phantastische Reichstagsbrandgeschichte7, werden als "wahr" wieder aufgefrischt. Gegenargumente aus der Reichstagsbrandforschung werden nicht angeführt, Enttarnungen und Entlarvungen falscher Theorien gar nicht versucht. Die Gutachten der Brandsachverständigen vom Sommer 1933, die fälschlicherweise von einer Mehrtäterschaft sprechen, gemeint sind kommunistische Täter - so wie es die NS-Führung behauptete und die Richtungsweisung Hitlers gewesen war -, werden nicht hinterfragt, sondern vielmehr kritiklos auf nationalsozialistische Brandstifter übertragen, d.h. als Beleg für eine NS-Täterschaft umgemünzt. Die schwer wiegenden Irrtümer und Unterlassungen, welche die Sachverständigen in ihren Gutachten, und darauf beruhend das Reichsgericht, im Sinne der Mehrtäterschaft schlussfolgern ließen, werden nicht nur nicht benannt oder offen gelegt sondern durch ein ebenso irrtümliches Brandgutachten aus dem Jahr 1970, dem die Autoren eine uneingeschränkte Gültigkeit beimessen, zu sanktionieren versucht. Kurzum: Bei ihrem leidenschaftlichen Bemühen, mit allen Mitteln die NS-Täterschaft als akzeptierte Erklärung in die deutsche Geschichtswissenschaft einzubringen, verbauen Bahar und Kugel sich und dem Leser den Blick für die Wirklichkeit und die Wahrheit. Sie verlassen den Boden gediegener wissenschaftlicher Forschung, konstruieren Geschichte, sind in ihrem Konstrukt gefangen, und bedienen mit ihrem in die Irre führenden Buch noch immer bestehende Legenden. Die beiden Autoren stellen gleichzeitig auf sonderbare Weise - aufgrund des bunten Sammelsuriums ihrer Thesen und Konstrukte - die eigene Annahme der Nazitäterschaft selbst in Frage, falsifizieren das, was sie zu beweisen versuchen.


1 Alexander Bahar und Wilfried Kugel, Die Vorwürfe werden nicht belegt. Leserbrief, in: General-Anzeiger (Bonn), 12.09.2001. Auch in: Reichstagsbrandforum. [Zurück zum Text]
2 Siehe meine Vorabveröffentlichung zu einem geplanten Buch über das Reichstagspräsidentenpalais: Gerhard Hahn, Wo Paul Löbe Albert Einstein empfing. Das Reichstagspräsidentenpalais in der Geschichte, in: Blickpunkt Bundestag 2001, 12, S. 70-71. [Zurück zum Text]
3 Fritz Tobias, Hans Mommsen, Eckhard Jesse, Henning Koehler, Karl-Heinz Janßen u.a. [Zurück zum Text]
4 Babette Gross, Willi Münzenberg. Eine politische Biographie, Stuttgart 1967, S 260. [Zurück zum Text]
5 Dazu gehören Fragen wie: Welche Dokumente sind echt? Warum existieren diese Papiere? Wurden sie von jemandem verfasst, der wusste, wovon er sprach? Wie sind sie zu lesen? Und welche Schlussfolgerungen sind erlaubt? [Zurück zum Text]
6 Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror, Basel 1933, und Dimitroff contra Göring. Enthüllungen über die wahren Brandstifter, Braunbuch II, Paris 1934. [Zurück zum Text]
7 Hans Bernd Gisevius, Bis zum bitteren Ende, Zürich 1946. [Zurück zum Text]


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