Der Reichstagsbrand

Wilfried Kugel

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Anachronistisches aus dem Institut für Zeitgeschichte

(Berlin, November 2005)

In Heft 4 (Oktober 2005) des 53. Jahrgangs der vom Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ) herausgegebenen Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ)1 erschien ein Beitrag von Hersch Fischler "Zum Zeitablauf der Reichstagsbrandstiftung. Korrekturen der Untersuchung Alfred Berndts". Der Beitrag setzt sich kritisch mit einer 1975, also vor 30 Jahren in den VfZ erschienenen Miszelle von Alfred Berndt "Zur Entstehung des Reichstagsbrandes. Eine Untersuchung über den Zeitablauf"2 auseinander.

Berndt, Verfechter der Alleintäterthese seines Mentors Fritz Tobias von 1959/60 und wie dieser Leugner einer NS-Täterschaft, war seit 1940 NSDAP-Mitglied und bis 1945 Mitarbeiter in Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium. Seit 1962 war er als Medizinalassistent tätig. Doch 1975 firmierte der Dr. med. in den VfZ als "Ing. grad., ehem. Lehrgruppenleiter an der Katastrophenschutzschule des Bundes".

In der Sache geht es darum, wieviel Zeit dem als Reichstagsbrandstifter verurteilten Marinus van der Lubbe für seine angebliche Brandlegung im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes zur Verfügung gestanden hatte. Berndt veränderte 1975 willkürlich verschiedene Zeitpunkte des Ablaufs, um die Alleintäterthese von Tobias zu stützen.

Sofort erkannte Prof. Karl Stephan vom Institut für Thermodynamik der Technischen Universität Berlin, daß Berndts "Berechnungen" falsch sein mußten. Der Redaktion der VfZ wurde eine entsprechende Erwiderung angeboten3, die diese jedoch abgelehnte. Stephan publizierte seine Kritik an Berndts Ausführungen erst 1978 im Band 2 der Dokumentation "Der Reichstagsbrand"4. Hier wurde nicht nur die Unhaltbarkeit von Berndts neuen "Berechnungen" dargestellt, sondern diesem auch tendenziöse Datenmanipulation vorgeworfen. In einer unveröffentlichten Replik5 Berndts dazu heißt es einleitend, "[...] dass ich die Unterstellung, als sei es mir darauf angekommen, die Zeitintervalle für die einzelnen Vorgänge am Brandabend nach dieser oder jener Seite willkürlich zu übertreiben, um eine vorgefasste Meinung [nach Tobias] zu untermauern, mit Schärfe zurückweisen muss."

Der neue Beitrag Fischlers von 2005 in den VfZ erwähnt die oben geschilderten Sachverhalte nicht, ist also lückenhaft. Er ist aber auch anachronistisch, denn es ist nicht nachvollziehbar, warum die Neubewertung einer Publikation von 1975 im Jahr 2005 fast ausschließlich anhand von schon 1975 im IfZ vorhandener Dokumente6 ohne Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes erfolgte. Seit 1990 sind die kompletten Ermittlungsakten der Reichstagsbrandkommission u.a. mit den genauen Ausrückzeiten der Feuerwehr7 zugänglich, ebenso in den Berliner Polizeiakten ein Verzeichnis der amtlichen Telefonate am Brandabend8, was Spekulationen anhand der Stenographischen Prozeßprotokolle weitgehend überflüssig macht.

Fischlers Beitrag läßt insbesondere Angaben zu den tatsächlich anzunehmenden zeitlichen Abläufen vermissen.9 Aussagen wie - "Berndts [...] Rekonstruktion und seine Berechnungen sind falsch" - führen jedenfalls gar nicht weiter.

Die 30 Jahre verspätete Veröffentlichung eines derartigen Beitrags in den VfZ läßt sich wohl nur damit erklären, daß man sich angesichts wachsender Kritik an der von den VfZ seit 1964 vertretenen Alleintäterthese im Rahmen eines kontrollierten Rückzugs vorsichtig von dem 1975 abgedruckten Beitrag Berndts distanzieren möchte.

Zur besseren Übersicht folgt eine Gegenüberstellung der von den verschiedenen Autoren angegebenen Zeitpunkte, die für den Verlauf der Brandstiftung im Reichstagsgebäude maßgeblich sind:

  Reichsgericht10
1933
Berndt
1975
Bahar/Kugel11
2000
Fischler
2005
"Einstieg" van der Lubbes frühestens
21.03 Uhr
20.59 Uhr 21.08 Uhr ?
"Brandlegung" im Plenarsaal 21.16-21.18 Uhr 21.08-21.10 Uhr 21.21-21.23 Uhr12 ?
Beginn der Löscharbeiten im Plenarsaal 21.27 Uhr 21.31 Uhr 21.27 Uhr ?
Verhaftung van der Lubbes 21.30 Uhr - 21.22-21.23 Uhr -
Zeit für die Brandentwicklung im Plenarsaal13 9-11 Minuten 21-23 Minuten 4-6 Minuten ?


1 VfZ , 53.Jg (2005), pp.617-632 [Zurück zum Text]
2 VfZ, 23. Jg. (1975), pp.77-90 [Zurück zum Text]
3 vgl. auch: "Stellungnahme zum Aufsatz von H. Berndt", undatiertes (ca.1975) Typoskript (2 ( Seiten), Archiv Alexander Bahar [Zurück zum Text]
4 "Der Reichstagsbrand", Band 2, Hrsg.: Walther Hofer / Edouard Calic / Christoph Graf / Friedrich Zipfel, K. K. Saur: München 1978, pp.254-262. Vgl. auch die von A. Bahar bearbeitete und neu herausgegebene Neuauflage "Der Reichstagsband. Eine wissenschaftliche Dokumentation", Ahriman-Verlag: Freiburg i. Br. 1992, pp. 130-140. [Zurück zum Text]
5 Alfred Berndt "Stellungnahme zu den Ausführungen von Hofer und Graf", undatiertes (ca.1978), unveröffentlichtes Typoskript (6 Seiten), Archiv Wilfried Kugel [Zurück zum Text]
6 Vollständige Exemplare von Anklageschrift, Urteilsbegründung sowie der Stenographischen Verhandlungsprotokolle des Reichstagsbrandprozeß waren im IfZ bereits seit 1962 vorhanden. [Zurück zum Text]
7 Bundesarchiv St 65. Im Band 53, Bl. 62 finden sich die genauen Ausrückzeiten der Löschzüge der Berliner Feuerwehr sowie die genauen Zeiten der angeordneten Alarmstufen. [Zurück zum Text]
8 "Akten des Polizeipräsidiums Berlin. Aufsichtsdienst aus besonderen Anlässen", Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep 30, Bln C 7520 [Zurück zum Text]
9 Man kann nur vermuten, daß Fischler den Zeitangaben in der Anklageschrift zustimmen möchte. [Zurück zum Text]
10 laut Anklageschrift (Die Zeitangaben in der Urteilsschrift sind sehr ungenau bzw. fehlen ganz.) [Zurück zum Text]
11 Bahar, Alexander / Kugel, Wilfried "Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird", edition q: Berlin 2001 (Das Buch erschien im Dezember 2000.) [Zurück zum Text]
12 unter Annahme der von der Reichstagsbrandkommission ermittelten Zeit von ca. 13-15 Minuten für den Weg van der Lubbes durch das Reichstagsgebäude vom "Einstieg" bis in den Plenarsaal [Zurück zum Text]
13 unter der hypothetischen Annahme, daß van der Lubbe den Brand im Plenarsaal tatsächlich legte [Zurück zum Text]


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