Der Reichstagsbrand

Jürgen Schmädeke

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"Wie Geschichte gemacht wird"

Zwischenbilanz zur Reichstagsbrand-Kontroverse

Gerhard Hahn bedient sich in zwei Artikeln, die in diesem "Reichstagsbrandforum" nachzulesen sind, einer ungewöhnlichen Methode der Beweisführung für die Behauptung, dass nicht die Nazis den Reichstag anzündeten, sondern dass van der Lubbe doch "innerhalb von 10 Minuten den Vollbrand des Saales [d. h. des Reichstags-Plenarsaales. J.S.] allein und ohne fremde Hilfe auslöste". Obwohl es bei der Frage "Einzel"- oder "Mehrtäterschaft", wie er schreibt, "nur um das Feuer im Plenarsaal geht", sucht man nach konkreten Sachargumenten zu dieser, wie man folgern muss, allein interessierenden Frage in Hahns Ausführungen vergeblich. Statt dessen verweist er auf ein Buch aus seiner Feder, das bereits mehrfach drohend angekündigt wurde, doch bisher nicht zu haben ist. Auch von der "Erforschung von Brandverläufen in geschlossenen Räumen", die "speziell seit Ende der 1980er Jahre ... zu völlig neuen Erkenntnissen gekommen" sein soll, ist bisher außer dieser Behauptung Hahns nirgends etwas Substantiiertes zu lesen. Nun aber werde, schreibt Hahn, sein Buch über all diese Sensationen 2003 erscheinen. Warten wir's ab! Vorerst kann nur mit Verwunderung registriert werden, wie die Verfechter der Alleintäterschaft mit den seit Ende 1999 auf dem Tisch liegenden konkreten Forschungsergebnissen und ihrer Fülle von Indizien für Brandstifter aus den Reihen der Nationalsozialisten umgehen. - Dazu im Folgenden eine Zwischenbilanz

Geschichte "geschieht" nicht wie ein Naturereignis, sondern sie ist ganz überwiegend von Menschen "gemacht" - und das in doppeltem Sinne: Menschenwerk ist nicht nur das, was geschieht und geschehen ist, sondern auch, was davon der Nachwelt überliefert wird. Letzteres ist vor allem - aber nicht nur - das Werk der Historiker, und wie schwierig dieses Handwerk ist, zeigen immer wieder die Kontroversen um die richtige Darstellung und Interpretation vergangenen Geschehens: beispielsweise in der Kontroverse um den Reichstagsbrand, die seit fast sieben Jahrzehnten andauert und Ende 1999 in der "Historischen Zeitschrift" ausführlich behandelt wurde.1 Die Quintessenz dieses Aufsatzes: Nicht nur "machten" am 27. Januar 1933 die neuen nationalsozialistischen Machthaber mit dem Reichstagsbrand Geschichte. Sondern sogleich nach der Tat begann mit der Bezichtigung der Kommunisten die Manipulation der Darstellung des Geschehens, wurden Spuren verwischt und unliebsame Zeugen liquidiert. Den Verdacht, die Nazis selbst hätten den Brand gelegt, konnten sie damit nicht entkräften. Erst nach dem Untergang der Diktatur in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges versuchten überlebende Akteure sich mit der Behauptung, der zum Tode verurteilte und hingerichtete Holländer Marinus van der Lubbe habe die Brandstiftung allein geplant und durchgeführt, der eigenen Mitverantwortung zu entledigen. Der "Spiegel" machte diese Alleintäterschafts-Behauptung mit einer Serie, für die der niedersächsische Verfassungsschutzbeamte Fritz Tobias das Material lieferte, populär, und Tobias' danach erschienenes Buch erhielt durch Hans Mommsen in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" den Stempel wissenschaftlicher Seriosität.

Dass Tobias und seine Gewährsleute Fakten verfälschten und Quellen manipulierten, ließ sich, wie der HZ-Aufsatz an konkreten Beispielen zeigt, definitiv belegen, als nach dem Ende der DDR die Ermittlungs- und Prozessakten von 1933 der freien Forschung zugänglich wurden. Dabei wurde klar, dass van der Lubbes als stets widerspruchsfrei dargestellte Schilderungen seines angeblichen Alleingangs voller Widersprüche waren, dass dagegen die als widersprüchlich abgewerteten Gutachten der Brandsachverständigen übereinstimmend die Unmöglichkeit der Alleintäterschaft konstatierten und dass die von Tobias bestrittene Benutzung des unterirdischen Heizungsganges in den Reichstag keineswegs unmöglich war.

Gern hätte man gewusst, was die in erster Linie kritisierten Autoren Tobias und Mommsen auf diesen HZ-Aufsatz entgegnen. Doch eine substantielle Erwiderung blieb aus; Mommsens Reaktion lautete: "Der Vorwurf an Tobias, er habe Texte manipuliert, ist absurd. Man zitiert natürlich das, was man für relevant hält. ... Die Akten bringen nichts neues. Und als erstes Argument kommt, dass Tobias und Mommsen ungenau gearbeitet hätten. Das ist natürlich lustig. Jedem kann man ein paar Fehlerchen nachweisen." Tobias nannte die HZ-Veröffentlichung "überflüssigen Nonsens"2, unterstellte den Autoren "entweder einen unglaublichen Mangel an Erkenntnisfähigkeit oder aber eine ebensolche dreiste Fälschung" und sah sie "vom Fälschungsgift des ‚Luxemburger Komitees' infiziert"3, das unter Leitung von Walther Hofer bereits 1972/78 in zwei Dokumentationsbänden die Alleintäter-Behauptung ins Wanken gebracht hatte und dafür von der Gegenseite der Dokumentenfälschung bezichtigt wurde - mit haltlosen Argumenten, wie die Nachprüfung zeigte.4

Ein Jahr nach dem HZ-Aufsatz haben zwei seiner Autoren, Alexander Bahar und Wilfried Kugel, ein umfangreiches Buch mit dem Titel "Der Reichstagsbrand - Wie Geschichte gemacht wird"5 vorgelegt. Es basiert - unter anderem - auf der erstmals umfassenden Auswertung der Ermittlungs- und Prozessakten von 1933 und bestätigt detailliert die Grundaussagen des Aufsatzes einschließlich der Manipulationen, mit denen nach 1945 van der Lubbes Alleintäterschaft konstruiert wurde. Folgt man dieser Darstellung, ergibt sich folgendes Bild des Tathergangs: Die Idee stamme wahrscheinlich von Goebbels, Göring als Reichstagspräsident habe tätige Mitarbeit geleistet, ein SA-Sonderkommando habe bereits vor der Tat Brandmittel im Reichstag deponiert, den Brand dann am 27. Februar 1933 mit selbstentzündlicher Flüssigkeit vorbereitet und sich durch den unterirdischen Gang zurückgezogen. Van der Lubbe sei dann um 21 Uhr in den Reichstag gebracht worden, und schon spätestens um 21.19 Uhr - wesentlich eher als zur Vertuschung im Prozess behauptet - sei Göring erschienen, wahrscheinlich, um den Rückzug des Brandstiftertrupps zu decken. Dieses Szenario stehe "allerdings nur unter allen Vorbehalten eines Indizienbeweises", heißt es in einer Vorbemerkung.

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Damit ist indirekt zugleich der Hauptstreitpunkt angesprochen: Außer der Selbstbezichtigung des im Reichstag festgenommenen van der Lubbe, er habe den Brand aus eigenem Antrieb, ohne Helfer und Hintermänner, gelegt, konnte bis heute kein schriftlicher Einsatzbefehl für die Brandstiftung gefunden werden, und von den mutmaßlichen Brandstiftern hat entweder keiner das Kriegsende überlebt, oder sie haben ihre Beteiligung wohlweislich verschwiegen. Der schon 1947 von Hans Bernd Gisevius als Anführer des Kommandos bezeichnete, im Umgang mit selbstentzündlichen Brandmitteln geübte SA-Führer Hans Georg ("Heini") Gewehr hat dies 1961/63 in einem Prozess bestritten.6 Darauf berufen sich die Vertreter der Alleintäter-These.

Dagegen spricht die Fülle der Indizien, die das Buch von Bahar und Kugel dank seiner breiten, in jedem Detail dokumentierten und damit nachprüfbaren Quellengrundlage vorlegt. Wer weiterhin behaupten will, die Alleintäterschaft van der Lubbes sei ohne jeden Zweifel bewiesen, wird diese Indizien zumindestens in ihren Hauptpunkten entkräften müssen. Zu widerlegen hätte er außerdem den Nachweis, dass Tobias' Darstellung in wesentlichen Punkten auf Manipulationen von Quellen und Zeugenaussagen beruht, oder er müsste wenigstens zeigen, dass diese Manipulationen dank anderer, unzweifelhafter Beweise für die Brandstiftungs-Schuldfrage bedeutungslos sind. In dieser Hinsicht fallen die bisherigen Reaktionen von Vertretern der Alleintäterschaft, darunter die Wortmeldungen der Historiker Henning Köhler und Hans Mommsen sowie von Fritz Tobias, außerdem ein umfangreicher Artikel im "Spiegel"- inhaltlich und methodisch enttäuschend aus. Nicht mit nachvollziehbaren und dokumentarisch belegten Argumenten verfechten Köhler, Tobias und Mommsen ihren Standpunkt, sondern mit dem verbalen Holzhammer schlagen sie auf ihre Feinde ein.

Den Anfang machte Henning Köhler, Professor für Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität zu Berlin, mit einer Rezension in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"7, die den Autoren unterstellte, sie böten "Tatsachenbehauptungen, daß sich die Balken biegen". Die detailliert aufgezählten und aus den Quellen belegten Indizien für eine NS-Täterschaft sind für Köhler "sachlich schief und zugleich irreführend, denn auf Grund dieses breiten Materials wird das Wissen keineswegs erweitert" - es sind "Quisquilien", von den Autoren gesammelt, "um an diesen breit ausgewalzten, letztlich aber belanglosen Einzelheiten den Eindruck gezielter Planung zu erwecken". Die Berichte über die Hanussen-Séance (bei der, was Köhler verschweigt, dieser am Vorabend den Brand als angeblicher Hellseher "vorhersah") sind dem Rezensenten "der Höhepunkt kritikloser Übernahme von Fälschungen und Phantasien", zu dem ihm nur die Frage einfällt: "Kann man sich noch Dümmeres ausdenken?" Am Ende steht dann das Verdikt: "Die Methode, nach der das Machwerk verfertigt wurde, ähnelt dem der Holocaust-Leugner; man biegt und dreht und fälscht ein Konstrukt zusammen, von dem man hofft, daß es die von der Schuld der Nazis Überzeugten neu motivieren wird." - Alles in allem: Was nicht ins Bild der Alleintäterschaft passt, ist für Köhler dumm, grotesk, belanglos, schief, irreführend, gefälscht: "Eine Kontroverse im wissenschaftlichen Sinne hat es im Falle des Reichstagsbrandes nie gegeben."8

"Festzuhalten bleibt ..., dass die Diskussion auf einem unerfreulichen Niveau verläuft", mit persönlichen Verdächtigungen und Unterstellungen bis hin zu Beleidigungen, schrieb wenige Tage später Ekkehard Böhm in der "Hannoverschen Allgemeinen", die nicht zum ersten Mal die Tobias-Position vorbehaltlos vertrat, unter dem Titel "Noch eine wilde Geschichte"9; Köhlers starke Worte waren damit offenbar nicht gemeint. Für Böhm ist klar: An NS-Brandstifter "glaubt heute niemand mehr". In dieselbe Kerbe schlägt Gerhard Hahn in seinen zwei Beiträgen, die in diesem "Reichstagsbrandforum" nachzulesen sind - und in deren letzterem er den Autor dieses Beitrages in "die kleine Autorengruppe" einreiht, deren Angehörige "mit außerwissenschaftlichen Argumenten und mit persönlichen Angriffen unterhalb der Gürtellinie" auf "die zahlreichen und gewichtigen Einwände gegen die Mehrtäterthese" reagieren...

Nicht alle Stellungnahmen waren so einseitig10, andere wogen die Argumente: "Die Alleintäterschaftsthese Tobias' und seiner Jünger muss als nachhaltig erschüttert gelten", ist die auch in diesem "Reichstagsbrandforum" nachzulesende Quintessenz des Grazer Historikers Martin Moll11. "Bahar und Kugel listen in ihrer Beweisführung so viele Indizien auf, dass es andere Mühe kosten dürfte, ihre Argumentation zu entkräften", resümierte der Historiker und Journalist Jürgen Wendler12: "Die Diskussion um den Reichstagsbrand geht in eine neue Runde."


1 Jürgen Schmädeke/ Alexander Bahar/ Wilfried Kugel, Der Reichstagsbrand in neuem Licht, in: HZ 269 (1999), 603-651 [im Folgenden HZ-Aufsatz genannt], nachzulesen auch hier im "Reichstagsbrandforum". [Zurück zum Text]
2 Historiker streiten über den Reichstagsbrand, in: Die Welt, 14.1.2000. Das Blatt brachte dazu eine ganze Serie von Artikeln (13., 14., 21., 24., 27.1./7., 8., 26.3./6.3.2000). Im Internet zu finden unter: http://www.welt.de/finden/ mit den Suchwörtern Reichstagsbrand und Lubbe. [Zurück zum Text]
3 Historiker Tobias verteidigt These von der Alleintäterschaft, in: Die Welt, 27.1.2001 [Zurück zum Text]
4 Siehe HZ-Aufsatz, 605, Anm. 5 bis 7. [Zurück zum Text]
5 Alexander Bahar/Wilfried Kugel, Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird, Berlin 2001, 863 Seiten. [Zurück zum Text]
6 Siehe dazu HZ-Aufsatz, 640 f. Doch gelang es Gewehr nicht, wie es im Urteil des Bundesgerichtshofs heißt, "das Gericht eindeutig von seiner Unschuld zu überzeugen". [Zurück zum Text]
7 FAZ 22.2.2001 [Zurück zum Text]
8 Köhlers Methode der Diffamierung derer, die nicht seine Ansichten teilen, zeigte sich beispielhaft auch in seiner Kritik an der historischen Authentizität der postum veröffentlichten Memoiren Sebastian Haffners von 1939, dem er mit sachlich unhaltbaren Argumenten Nachbesserungen in den 60er Jahren, unter anderem zum Thema Reichstagsbrand, unterstellte: Henning Köhler, Anmerkungen zu Haffner, in: FAZ 16.8.2001. - Kritisch dazu: Briefe an die Herausgeber, in: FAZ 18., 20., 21., 23.8.2001 (Peter Bender, Ehrabschneidend über Sebastian Haffner); Geschäft, Geschäft, in: Berliner Morgenpost; Ungeduldiges Papier, in: Frankfurter Rundschau, beide 17.8.2001; Haffners Haltung, in: Der Tagesspiegel; Ein sorgloser Betrüger, in: die tageszeitung; Schlammschlacht, in: Süddeutsche Zeitung, alle 18.8.2001; Oliver Pretzel, Diese Kritik will den Rufmord, in: Die Zeit, 23.8.2001. - Die definitive Feststellung, "daß die erhobenen Befunde keinen Hinweis auf eine nach 1939 erfolgte Fertigung des in Rede stehenden Manuskripts ergeben haben", brachte eine Analyse des Manuskriptpapiers und der Schreibmaschinentypen durch das Bundeskriminalamt; siehe Michael Adrian, Das BKA liest Sebastian Haffners "Geschichte eines Deutschen", in: FAZ 31.10.2001. [Zurück zum Text]
9 Hannoversche Allgemeine, 25.2.2001. [Zurück zum Text]
10 Ähnlich einseitig schrieb Holger Gumprecht (Mutmaßungen. Eine neue Publikation zum Reichstagsbrand) am 25.4.2001 in der Neuen Zürcher Zeitung, die wenig später auch Hofer zu Wort kommen ließ (siehe unten). Auch: Markus Brauer, Glaubenskrieg um einen Brand, in: Stuttgarter Nachrichten, 9.5.2001, dazu Leserbrief von Bahar/Kugel, 9.6.2001. Gerhard Hahn, Alte Legenden vom Reichstagsbrand, in: General-Anzeiger, Bonn, 23./24.6.2001: "... neue Dokumente ... werden ...nicht vorgelegt." [Zurück zum Text]
11 eForum zeitGeschichte (http://eforum-zeitgeschichte.at/moll03.html ). [Zurück zum Text]
12 Jürgen Wendler, Neuer Zündstoff im Streit um den Reichstagsbrand, in: Weser-Kurier/Bremer Nachrichten, 21.4.2001, nachzulesen auch hier im "Reichstagsbrandforum". [Zurück zum Text]


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