Der Reichstagsbrand

SCHEIN UND WIRKLICHKEIT
in Fritz Tobias' Buch "Der Reichstagsbrand"

(Kurzfassung)

[Von Hans Schneider, 4.10.1969]

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Eine befriedigende und gar abschließende Lösung des Reichstagsbrandproblems kann - und konnte von jeher - nur von neuen, der Justiz wie der Forschung verborgen gebliebenen Dokumenten und Zeugen erwartet werden. Aber auch sie wird es heute schwer haben, sich durchzusetzen, nachdem der Anspruch Tobias', die endgültige Lösung in der Alleintäterschaft Marinus van der Lubbes schon gefunden zu haben, (1) auch von Fachhistorikern in repräsentativen Organen der Geschichtswissenschaft nahezu vorbehaltlos anerkannt worden ist (2), zuletzt in der apodiktischen Formel "daß Zweifel nicht mehr bestehen können".(3) Es ist daher unerläßlich, auch der kritischen Auseinandersetzung mit Tobias den ihr bisher verweigerten (4) Raum zu geben, damit das fachlich und politisch interessierte Publikum sich selbst ein Urteil bilden kann.

Diese Auseinandersetzung hat sich mir bei meinen eigenen Untersuchungen anhand des gesamten verfügbaren Materials immer zwingender aufgedrängt und ihren Niederschlag in einem fortlaufenden Kommentar gefunden, der die Darstellung Seite für Seite begleitet und insbesondere die Hunderte von Zitaten in der Fassung des Autors einerseits, dem Original andererseits gegenüberstellt. Denn sehr schnell zeigte sich, daß grundsätzlich nicht eines ungeprüft als authentisch akzeptiert werden kann, vielmehr jederzeit - von simplen Schreib- und Satzfehlern abgesehen - mit Eingriffen in den Text, von stilistischen Retuschen bis zu im Druck ebensowenig erkennbaren Auslassungen und Einfügungen bei fremdsprachlichen Zitaten mit zum Teil massiven, stets aber der vorgefaßten Meinung dienlichen Übersetzungsfehlern zu rechnen ist. Beispiele dafür zu geben, verbietet der beschränkte Raum; Interessenten steht die ganze Liste zur Verfügung, die - ohne vollständig zu sein - auf über 500 Seiten angewachsen ist. Nur sollte man schon hier bedenken, daß durch dieses Verfahren die Belege, einzeln wie in der Zusammenstellung, den Eindruck einer Eindeutigkeit und Geschlossenheit erwecken, die sich in den Quellen selbst nicht findet, das Ganze aber einen Anschein von wissenschaftlicher Sorgfalt, ja "Akribie" gewinnt, durch den sich auch zu kritischer Prüfung verpflichtete Leser haben täuschen lassen. (5)


(Hervorhebungen im Text durch den Verfasser H.S.)

1 Fritz Tobias, Der Reichstagsbrand. Legende und Wirklichkeit .Rastatt 1962 (nachfolgend Tobias). [Zurück zum Text]
2 Hans Mommsen, Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 12. Jg., S. 351-413, im folgenden Mommsen; auch Allan Bullock, Hitler, 2. Aufl 1967; Martin Broszat, Der Staat Hitlers, dtv-Weltgeschichte d. 20 Jahrhunderts, 1969; Heinrich Muth, Literaturbericht in: Gesch. in Wiss. und Unterr., 19. Jg., 1968, S. 133 f. [Zurück zum Text]
3 Heinrich Muth loc cit. [Zurück zum Text]
4 Meine noch ungedruckte Darstellung erwähnte Mommsen, S. 358, 371, 382 in einer sachlich unzutreffenden Form. Die Aufnahme einer Berichtigung ( s. Beilage ) wurde abgelehnt. [Zurück zum Text]
5 Mommsen S. 358; Muth l.c. [Zurück zum Text]


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