Der Reichstagsbrand

Martin Schouten

Zur Rehabilitierung von Marinus Van der Lubbe

Zur Rehabilitierung von Marius Van der Lubbe

Am 27. Februar 1933 brannte in Berlin der Reichstag. Im brennenden Gebäude wurde der vierundzwanzigjährige Leidener Marinus Van der Lubbe verhaftet. Er sagte, er habe den Brand auf eigene Initiative gelegt. Er wollte so die deutsche Bevölkerung auf die Gefahr aufmerksam machen, die die Hitler-Regierung bildete, "so daß es schließlich doch zum Kriege kommen wird".

Die polizeiliche Vernehmung wurde durch die Kriminalkomissare Helmut Heisig und Walter Zirpins geleitet. Sie waren der Ansicht, daß das, was Van der Lubbe sagte, stimme, und so schrieb Zirpins in seinem Abschlußbericht: "Die Frage, ob Van der Lubbe die Tat allein ausgeführt hat, dürfte bedenkenlos zu bejahen sein." Heisig sagte der niederländischen Presse, als er nach Leiden gekommen war, um Näheres über Van der Lubbe zu erfahren, daß auch er dieser Ansicht sei.

Am 2. März wurde die deutsche Presse zum Polizeiamt am Alexanderplatz eingeladen, um dort den Brandstifter zu fotografieren und zu befragen. Van der Lubbe war, wie die Fotos zeigen, froh darüber, denn nun konnte er sagen, was er mit dem Brand hatte zum Ausdruck bringen wollen: Hitler muß weg!

Die Nazis behaupteten, Van der Lubbe sei ein Strohmann der Kommunisten und diese meinten umgekehrt, er sei ein Strohmann der Nazis.

Die "Beweise" dafür lieferten die Kommunisten sofort in einem Braunbuch, in dem Van der Lubbe als ein "kleiner, halbblinder Lustknabe" beschrieben wurde (deutsche Edition) oder als ein "kleiner, schlecht sehender Wirrkopf" (niederländische Edition). Das einzige, was daran stimmte, war, daß die Sehfähigkeit Van der Lubbes eingeschränkt war, da er bei seiner Arbeit auf Baustellen mehrere Unfälle gehabt hatte. Van der Lubbe war kein "Lustknabe" - diese Lächerlichkeit fehlt auch nicht umsonst im niederländischen Bruinboek - und er war auch kein Wirrkopf.

Zirpins persönlicher Eindruck war, daß Van der Lubbe "...über eine (allerdings sicherlich einseitige) Intelligenz verfügt; er ist ein sogenannter "fixer Junge", obwohl seinem Äußeren nach das Gegenteil zu sein scheint." Die Psychiater Bonhoeffer und Zutt schrieben, nachdem sie mit Van der Lubbe gesprochen hatten, daß "... das Ungezügelte in seinem Temperament es ohnehin nicht wahrscheinlich machte, daß er einen ruhigen und geordneten Weg durchs Leben ging. In irgendeiner Weise ungewöhnliches war von ihm zu erwarten. Geisteskrank ist er aber darum nicht gewesen."

Der vierundzwanzigjährige Van der Lubbe war sicherlich etwas naiv, aber ein "Wirrkopf" war er nicht. Einen Mann, der im Februar 1933 sagte, daß es mit Hitler zu Krieg kommen müsse, und dieses durch einen nationalsozialistischen Justizmord mit seinem Leben büßen mußte, sollte man eher einen Visionär nennen. Van der Lubbe war der erste große Widerstandskämpfer gegen Hitler und gegen den Zweiten Weltkrieg. Er gehört in eine Reihe mit Elser und von Stauffenberg.

Georg Elser verübte am 8. November 1939 ein Attentat auf Hitler im Bürgerbraukeller in München, wo sieben Menschen den Tod fanden und Hitler mit dem Leben davonkam. Von Stauffenberg zündete am 20. Juli 1944 in Hitlers ostpreußischem Hauptquartier einen Sprengsatz, wodurch drei Menschen starben. Hitler überlebte erneut. Elser und von Stauffenberg (der in der Wehrmacht diente und somit für die Nazi-Katastrophe mitverantwortlich war) gelten seit 1945 als Widerstandskämpfer. Nicht aber Van der Lubbe. Das Urteil gegen ihn wurde 1967 von einem Westberliner Gericht überprüft und auf acht Jahre wegen Brandstiftung korrigiert.

Elser und von Stauffenberg wurden nach ihrem Tod nicht nochmals wegen Mordes verurteilt. Nein, selbstverständlich nicht, denn so ginge man mit dem Andenken von Widerstandkämpfern ja auch nicht um. Van der Lubbe hingegen wurde erneut zu acht Jahren Haft verurteilt.

Die Kommunisten wiederholten ihrerseits ihre Verleumdungskampagne, nachdem Fritz Tobias gezeigt hatte, daß Van der Lubbe sehr wahrscheinlich der einzige Täter der Brandstiftung war. Die alten Braunbuchthesen wurden von Calic & Hofer und später nochmals von Bahar & Kugel wiederholt: Mit immer wieder den gleichen "Wirrkopf"-Argumenten und auch der Entmenschlichung Van der Lubbes. Diese alt-deutsche Weise, mit einem Menschen und seinem Andenken umzugehen, schmerzt die Niederländer. Um so peinlicher ist dies deswegen, weil sich diese Argumente gegen unseren ersten Widerstandskämpfer gegen die Nazis richten.

In den Niederlanden ist die sogenannte Allein-Täter-These längst akzeptiert. Aber wir können uns natürlich auch damit abfinden, daß diese These umstritten ist. Was uns schmerzt, sind die Worte, mit denen in Deutschland diese Debatte geführt wird: Van der Lubbe sei ein "Wirrkopf", behaupten Bahar & Kugel. Und die Allein-Täter-These sei die "Legende von der Allein-Täter-These". Mit solchen Phrasen macht man Stimmung, ohne daß man damit etwas beweist.

In den neuen Aktenfunden, auf die Bahar & Kugel sich stützen, haben niederländische Forscher bislang keinen einzigen Anhaltspunkt für die Thesen des Braunbuches gefunden. Statt dessen fand sich in diesen Akten ein bisher unbekanntes Gedicht Marinus van der Lubbes. Er hat es im März 1933 im deutschen Gefängnis geschrieben und die Polizei hat es übersetzt:

Amsterdam, 5. März 1998
Martin Schouten
(Van der Lubbe-Biograph)


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