Der Reichstagsbrand

Hans Schneiders quellenkritische Untersuchungen zu Fritz Tobias´ Alleintäterthese

Vorwort von Hersch Fischler

Am 29. Juni 1995 schrieb Gunter Hofmann in der Zeit einen Beitrag über Christos Reichstagsverhüllung und behauptete darin, es seien die Nationalsozialisten gewesen, die 1933 den Reichstagsbrand gelegt hatten. Zwei Wochen später war in der Zeit ein Leserbrief von Fritz Tobias abgedruckt, in dem Gunter Hofmann darüber belehrt wurde, daß die Nationalsozialisten an der Reichstagsbrandstiftung völlig unbeteiligt waren, weil der alleinige Brandstifter der holländische Einzelgänger Marinus van der Lubbe gewesen sei. Tobias machte unmißverständlich deutlich, daß an der Alleintäterschaft Marinus van der Lubbes nicht zu rütteln ist: "Am Rande sei hervorgehoben, daß sich die seriösen Vertreter der Historikerzunft schon vor Jahrzehnten mit der Tatsache einer Alleintäterschaft van der Lubbes abgefunden haben, nachdem sie vom Institut für Zeitgeschichte in München, vom Bundesarchiv in Koblenz, vor allem aber auch vom Niederländischen Institut für Kriegsursachenforschung in Amsterdam, Prof. Dr. Louis de Jong, nach wissenschaftlicher Überprüfung bestätigt worden war".

Wer soll bei solch klaren Angaben eines bekannten Autors der Zeitgeschichtsschreibung gegenüber einer angesehenen Zeitung glauben, daß die behaupteten wissenschaftlichen Bestätigungen der Alleintäterschaft van der Lubbes durch die genannten Institute nur Erfindungen sind. Und doch ist es so. Auf Anfragen mit Bezug auf Fritz Tobias´ Zeit-Leserbrief teilten mir sowohl das Bundesarchiv Koblenz als auch das Münchner Institut für Zeitgeschichte schriftlich mit, daß sie derartige wissenschaftliche Bestätigungen nicht ausgestellt haben. Im Brief des Bundesarchivs vom 12.09.1995 schrieb Archivdirektor Dr. Oldenhage, das Bundesarchiv habe in Sachen Reichstagsbrand ausschließlich Dokumente auf die Echtheit geprüft, sich aber zur geschichtswissenschaftlichen Konsequenz nicht geäußert. Er zitierte einen seiner Kollegen, Archivdirektor Dr. Josef Henke, mit der Aussage, daß die wissenschaftliche Kontroverse um den Reichstagsbrand weitergehen möge. Für das Münchner Institut für Zeitgeschichte schrieb am 14.8.1995 dessen stellvertretender Direktor Prof. Dr. Udo Wengst: "In Fragen der Zeitgeschichte, wie zum Beispiel dem Reichstagsbrand, gibt es keine Prüfung und Bestätigung von Thesen, durch das Institut für Zeitgeschichte....". Mit Prof. Dr. De Jong, vom Niederländischen Institut für Kriegsursachenforschung hatte ich bereits 1994 über Tobias´ Alleintäterthese ausführlich telefoniert, und auch er hatte mir damals mitgeteilt, daß die Täterschaft an der Reichstagsbrandstiftung durchaus kontrovers diskutiert werden könne.

Auf ebenso krasse Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei Fritz Tobias war bereits mehr als 35 Jahre vor mir der studierte Historiker und Oberstudienrat Hans Schneider gestoßen. Im Jahre 1959 erschien Tobias´ erste Publikation über den Reichstagsbrand als Spiegel-Serie. Rudolf Augstein versicherte damals, schon diese Serie allein genüge wissenschaftlichen Anforderungen und habe die Alleintäterschaft van der Lubbes restlos bewiesen. Noch während ihres Erscheinens begann Hans Schneider Tobias´ Thesen an Hand der Quellenmaterialien zu überprüfen. Er stellte relevante Fehler fest. Er schrieb an Rudolf Augstein, der seine Zuschrift unbeantwortet ließ. Schneiders große Sachkenntnis und präzise Arbeitsweise überzeugte damals den Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Dr. Helmut Krausnick, ihm im Frühjahr 1960 einen Auftrag zu erteilen, die Tobias-These zu überprüfen und seine Ergebnisse in den Vierteljahrsheften zu publizieren. Schwierigkeiten bei dem Beschaffen der Originalquellen und das Erscheinen von Fritz Tobias´ Buch "Der Reichstagsbrand - Legende und Wirklichkeit", Anfang 1962, verzögerten diese Unternehmung. Im Frühjahr 1962 hatte Hans Schneider in einem bereits etwa 130 Seiten langen Kommentar zu Tobias´ Buch dokumentiert, daß dessen Alleintäterthese in keiner Weise durch die Quellenmaterialien gestützt wurde, sondern nur durch deren massive Verzerrung, oft sogar Verfälschung, Plausibilität gewann.

Am 14. April 1962 schrieb Hans Rothfels als Herausgeber der Vierteljahrshefte an Walther Hofer nach Bern. "Der Fall Tobias ist schwieriger, weil da eine ungeheure Einzelkenntnis erforderlich ist. Wir haben seit einem Jahr einen Mann daran sitzen, dem es schließlich auch gelungen ist, das Material ziemlich vollständig zusammenzubringen und viele Falschheiten bei Tobias nachzuweisen. Wenn es gut geht, werden wir im Juli einen ersten Artikel bringen, der nachweisen soll, zunächst negativ, daß ein einzelner Täter unmöglich ist. In einem zweiten glaubt der Bearbeiter die hohe Wahrscheinlichkeit der alten Lesart nachweisen zu können, aber das ist mir selbst noch unsicher."

Die Publikation des ersten Teils verzögerte sich, weil Hans Schneider durch seinen regulären Schuldienst beansprucht wurde. Im Juli 1962 lag Hans Schneiders erstes Teilmanuskript noch nicht vor, dafür erschienen in verschiedenen Publikationen massive Angriffe auf die Leitung des Instituts für Zeitgeschichte, weil sie mit Hans Schneider einen angeblich inkompetenten Forscher eingesetzt und mit der Kritik an Tobias´ angeblich gründlich bewiesener Alleintäterthese nur kommunistische Braunbuch-Lügen wiederbeleben würde. Damals herrschte Kalter Krieg zwischen Ost und West, der in Deutschland besonders intensiv ausgefochten wurde.

In erster Linie wurden die Angriffe von der Springer-Illustrierten Kristall vorgebracht, deren Chefredakteur Horst Mahnke zuvor Ressortchef beim Spiegel und ein Vertrauter Augsteins gewesen war. Es kam zu weiteren Verzögerungen, und als Hans Schneider im Oktober 1962 ein 56 seitiges Roh-Manuskript vorlegte, in dem die von Rothfels angesprochene negative Beweisführung weitgehend vorgetragen und Fritz Tobias Alleintäterthese völlig erschüttert wurde, hatte sich im Institut die Stimmung ganz gegen Schneider gewandt. Die Vierteljahrshefte wollten seinen Beitrag nicht mehr bringen, obwohl sie zuvor einem Abdruck in Fortsetzungen wegen der schwierigen Quellenbeschaffung und der zeitraubenden Quellenprüfung zugestimmt hatten. Mehr noch: Plötzlich verlangte die Leitung des Instituts von Hans Schneider, daß er weitere Arbeiten zum Thema Reichstagsbrand einstelle und seine Forschungsergebnisse auch nicht an anderer Stelle publiziere.

Eine Aktennotiz des damaligen IfZ-Mitarbeiters Hans Mommsen, auf die ich im Frühjahr 2000 im IfZ Archiv gestoßen war, enthüllt, daß Schneiders Forschung zum Reichstagsbrand aus wissenschaftsfremden Erwägungen unterdrückt wurde. In der Aktennotiz hielt Hans Mommsen als Ergebnis einer Besprechung mit dem Rechtsanwalt des IfZ fest, daß Schneiders Manuskript wegen Inhalt und Form von den Vierteljahrsheften nicht abgelehnt werden könne, daß das Institut aber ein Interesse habe, sein Erscheinen insgesamt zu verhindern, weil es "aus allgemeinpolitischen Gründen eine derartige Publikation unerwünscht zu sein scheint". Um die Publikation endgültig zu verhindern, solle das Institut Schneider ein entsprechendes Honorar bei Abtritt seiner Rechte anbieten, notfalls aber auch Maßnahmen gegen Schneider treffen, die einer endgültigen rechtlichen Prüfung nicht standhielten, z.B. ihm den Zugang zu den Quellen sperren und Druck über seine vorgesetzte Schulbehörde auf ihn ausüben.

Die von Hans Mommsen dargelegte Strategie wurde von der Leitung des IfZ tatsächlich umgesetzt. Statt Hans Schneider, übernahm es nun Hans Mommsen, für die Vierteljahrshefte eine Überprüfung der Tobiasthesen vorzunehmen und zu publizieren. 1964 erschien sein Aufsatz "Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen". Mommsen akzeptierte Tobias´ Ergebnisse pauschal und unterließ die präzise Überprüfung an den Quellen, die er den Lesern der "Vierteljahrshefte" vorgenommen zu haben dennoch versicherte. Zwei Jahre zuvor hatte Mommsen noch zahlreiche Fehler und Widersprüche bei Tobias beanstandet (Stuttgarter Zeitung vom 5.7.62): "Dennoch ist- und das wird von Tobias geflissentlich verschwiegen- ein unumstösslicher Nachweis der Alleintäterschaft... angesichts der jetzigen Quellenlage unmöglich;" und schloss, daß "....Tobias' Interpretation die ....nationalsozialistischen Ambitionen verharmlost und ihre verbrecherische Politik unfreiwillig subjektiv rechtfertigt...". In den Vierteljahrsheften schreibt Mommsen dann 1964: "Die folgende Untersuchung stützt sich auf die detaillierte Untersuchung von Tobias, die anhand des zur Zeit bekannten Materials überprüft wurde und mit der ich bis auf kleine Abweichungen übereinstimme" (VjZ, Jg. 1964, S. 359, Fußnote 22). So lieferte Mommsen eine Bestätigung der Wissenschaftlichkeit von Tobias Alleintäterthese, die tatsächlich nur auf vagen, mit den Fakten nicht zu vereinbarenden Mutmaßungen und Plausibilitätsüberlegungen fußt. Sie zeichnet sich nicht weniger durch verfälschende und irreführende Quellenangaben aus, als Tobias Alleintäterthese selbst.. (siehe meine Fehlerliste zu Hans Mommsens Aufsatz im Reichstagsbrandforum).

Im Herbst letzten Jahres publizierte ich über Hans Mommsens fragwürdige Aktennotiz und die Behinderung von Hans Schneiders Forschungen durch das Institut für Zeitgeschichte. Hans Mommsen reagierte damit, daß er seine Aktennotiz mit widersprüchlichen und wechselnden Argumenten gegenüber "Netzeitung", "taz" und "Die Welt" verteidigte: Es sei nur darum gegangen zu prüfen, ob das Institut zur Publikation der Arbeit Schneiders verpflichtet sei..., die Aktennotiz sei folgenlos geblieben..., die Aktennotiz habe nur der Klärung der Rechtslage gedient. Der heutige Leiter des Institut für Zeitgeschichte, Prof. Dr. Horst Möller, distanzierte sich deutlich von der Aktennotiz, allerdings nicht nach dem ich ihn auf diese Notiz im Spätsommer 2000 hinwies und um Stellungnahme bat, sondern erst längere Zeit nach deren Publikation : "Die entsprechende Aktennotiz von Hans Mommsen zum Manuskript von Hans Schneider enthält zwei Punkte, die für einen Wissenschaftler in keiner Weise vertretbar sind, also auch von der gegenwärtigen Institutsleitung des Instituts für Zeitgeschichte nicht gebilligt werden (die Bewertung der Publikationsmöglichkeit einer wissenschaftlichen Arbeit nach Gründen allgemeinpolitischer Opportunität, sowie die Erwägung, Druck auf einen Autor über seinen Dienstherrn auszuüben, um die Publikation zu verhindern)". [Schreiben von Prof. Horst Möller an Dr. Gerhard Brack vom 16. Januar 2001].

So deutlich diese Distanzierung ausgesprochen ist, so deutlich muß man allerdings auch festhalten, daß das Institut für Zeitgeschichte nach wie vor wenig Bereitschaft zeigt, die Behinderung der Forschungsarbeit und Publikation Schneiders nach dem November 1962 durch Helmut Krausnick und das Institut selbst zu untersuchen. Im Gegenteil. Es verweigert die Einsicht in dafür relevante Unterlagen aus dem Zeitraum der frühen sechziger Jahre, z.B. in Gutachten, die Mitarbeiter des Instituts damals zu Rechtsstreitigkeiten in Sachen Reichstagsbrand abgaben und die keinen Sperrfristen mehr unterliegen.

Inzwischen wurde trotz der Verzögerungen der Einsichtgewährung durch das Institut für Zeitgeschichte deutlich, daß Hans Schneider damals nicht klein bei gab. Aber der Entzug der Quellenmaterialien, die er selbst dem Institut für Zeitgeschichte beschafft hatte, behinderte seine Arbeit ebenso, wie ihm Drohungen von Helmut Krausnick Sorgen machten, das Institut für Zeitgeschichte werde ihn bei einer Publikation seiner Forschung mit Regressansprüchen belangen und gegenüber Schulbehörde und Öffentlichkeit bloßstellen. Er erweiterte sein Manuskript von 56 Seiten auf über 80 Seiten, bot es mehreren Medien und Verlegern an, aber es kam zu keiner Publikation, deren Verhinderung das erklärte Ziel des Instituts für Zeitgeschichte damals war. In den späten sechziger Jahren erhielt Schneider Kontakt zum sogenannten Luxemburger Komitee, das sich an seiner Arbeit interessiert zeigte. Er wurde bei einer Tagung des Komitees vom Plenum in dessen Kommission Reichstagsbrand gewählt, aber dann nicht mehr zur Mitarbeit herangezogen, als er auf einer genauen Prüfung der vom Komitee beschafften "neuen" Dokumente und Zeugenaussagen bestand und an deren Bewertung als positiven Beweis der NS-Täterschaft durch Calic und Hofer scharfe Kritik übte. So war er zwischen zwei Historiker-Lager geraten, und seine Forschungen, die beide Lager störten, blieben unveröffentlicht.

Neben einem umfangreichen Briefwechsel zu seiner Reichstagsbrandforschung sind bislang nur zwei Manuskripte Hans Schneiders zum Thema Reichstagsbrand aufgefunden worden. Einmal handelt es sich um das Roh-Manuskript mit dem Titel "Neues vom Reichstagsbrand?", das er im Herbst 1962 dem Institut für Zeitgeschichte vorlegte. In ihm war die Unhaltbarkeit der von Tobias´ und Spiegel vorgebrachten Alleintäterthese bereits nachgewiesen. Es fand sich im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Dann aus dem Jahr 1969 eine Kurzfassung des 1963 offenbar bereits auf mehr als 300 Seiten angewachsenen Kommentars "Schein und Wirklichkeit in Fritz Tobias Buch 'Der Reichstagsbrand'", das Herr Prof. Hofer freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Sie sollte ursprünglich im ersten Band der Dokumentation des Luxemburger Komitees erscheinen, ihre Publikation war aber unterblieben, nachdem es zwischen Schneider und Hofer und Calic zu den oben erwähnten Differenzen gekommen war.

Das Manuskript "Neues vom Reichstagsbrand?" wird voraussichtlich noch dieses Jahr zusammen mit dazugehöriger Korrespondenz und Aktennotizen Hans Mommsens und Helmut Krausnicks zum Fall Schneider publiziert werden. Vorab wird hier die Kurzfassung von "Schein und Wirklichkeit" wiedergegeben. Sie liefert keine systematische Widerlegung der Alleintäterthese, überprüft aber exemplarisch wichtige Angaben in Fritz Tobias´ Buch an den dort zitierten Quellen. Das Ergebnis ist eindeutig: Es finden sich in einem solchen Maße Verfälschungen und Irreführungen, daß Tobias´ Darstellung des Reichstagsbrandes wissenschaftlichen Wert ebensowenig beanspruchen kann, wie die von ihm 1995 in der Zeit behauptete wissenschaftliche Bestätigung durch Bundesarchiv, Institut für Zeitgeschichte und Niederländisches Institut für Kriegsursachenforschung.


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