Der Berliner Schlossplatz
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Volpische Konditorei / Konditorei Josty

    "Der Berliner behauptet, der gebildetste Mensch zu sein, er hört seine Stadt gern den »Mittelpunkt deutscher Intelligenz, Wissenschaft und Kunst« nennen, und so schuf er sich Lokale, wo er diese Bildung auf leichte, bequeme Weise erwerben und mit den Bewegungen der Zeit fortschreiten kann. Diese Lokale sind die Berliner Konditoreien. Der Berliner hat die Kunst erfunden, bei einer Tasse Kaffee oder Schokolade den Extrakt aller Bildung einzusammeln, und seine Konditoreien sind ihm ebensowohl Ober- und Unterhaus, erste und zweite Kammer, wie sie ihn des langweiligen Gymnasial- und Universitätsgangs entheben, dem die übrigen Deutschen sich fügen müssen, wenn sie auf den Namen eines gebildeten Menschen Anspruch machen wollen." (Friedrich Saß zitiert in Heilborn, S.5)
Konditorei Josty
Die aus dem Engadin stammende Familie Josty war eine der ersten, die eine 'typische Berliner Konditorei' eröffneten - und zwar im Gebäude "An der Stechbahn Nr.1", wo sie bis 1865, bis zum Abbruch der "Stechbahn", blieb, um dann in die "Schlossfreiheit" umzuziehen. Von dort zog sie Anfang der 1890er abermals um, und zwar zum Potsdamer Platz.
Das Lokal wird wie folgt beschrieben:
    "Schon die lebensgroßen Wandgemälde des verstorbenen und des jetzigen Königs in vollständiger Uniform können den Eintretenden belehren, daß er sich hier an einem Orte befindet, wo die Elemente der preußischen Militairhierarchie ganz besonders vorzuherrschen pflegen. Es ist aber nicht der leichtfüßige Gardelieutnantston, wie er bei Kranzler zum Vorschein kommt, der sich hier geltend macht, es ist hier bei Josty noch manches alte, schwere und vernagelte Geschütz von Anno 1813 vorhanden. In den Wochentagen sieht man viele Civilpersonen, deren ramassirter Schnurrbart den pensionierten Militair verkündet. Sonntags nach der Parade blitzen und blinken die Uniformen in buntester Mischung. Die Militairpersonen, welche bei Josty verkehren, sind meistens gereift und alternd, manche von ihnen sind malcontent, wenn auch nur im Stillen, was ja nicht gegen die Subordination ist." (Krieger, S.80)
Volpische Konditorei
Die Volpische Konditorei war im Haus "An der Stechbahn Nr. 2" angesiedelt und wurde ebenfalls von einer aus der Schweiz stammenden Familie gegründet. Sie wurde in erster Linie von Kaufleuten besucht und unterschied sich stark von der Josty'schen Konditorei.
Bogdan Krieger gibt folgende Beschreibung:
    "[Die Volpische Konditorei] war eine Art Börse, der Hauptmarkt der Wechselagenten und Kommissionäre, Fixer und Jobber in andrer Weis, der nobelsten und der armseligsten, der redlichsten und der ausgetragenen Schwindler, der zum Geldleihen aufgelegten Kapitalisten und der geheimen Wucherer, der Wechselreiter und Halsabschneider - kurz und gut, es war das bekannte, ja, man kann sagen berühmte 'Cafe Volpi', das von jedem 'anständigen' Mann gewiß wenigstens einmal besucht worden ist ... Eine andre Kategorie von Besuchern sind Spieler aller Art; sie sind hier in allen Abstufungen zu finden ... Dabei geht es aber immer höchst anständig her, und es herrscht ein legerer, angenehmer Ton, in den sich der Fremde, wiewohl er hier spärlich vertreten ist, leicht und gern hineinfindet. [...] es wird hier als selbstverständlich vorausgesetzt, daß man gemütlich ist und kein langweiliges, unnützes Wort auch beim Spiel verliert. [...] Bei Volpi war das beste französische Billard und die einzige große, stehende Boule. Man spielte den Point um einen Silbergroschen; wenn die 'großen Spieler' sich ihre Revenue von etlichen Talern erworben hatten, begann die kleine Boule zu einem Sechser den Point." (Krieger, S.80)

 
 


http://www.zlb.de/schlossplatz/geschichte/konditorei.htm / Update: 1.3.00
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