Der Berliner Schlossplatz
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Ideen zur Nutzung des Berliner Schlossplatzes - angeregt durch eine Diskussionsveranstaltung am Montag, dem 17.01.2000 im Berliner Abgeordnetenhaus

Zum Konzept der ZLB zur Nutzung des Berliner Schlossplatzes

Welche Alternativen wären denkbar?
Da wäre zuallererst das Museum: Von nationaler Bedeutung gibt es in Deutschland bereits die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland und das Haus der Geschichte in Bonn, das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und nicht zuletzt das Deutsche Historische Museum in Berlin. Bei den Kunst- und Kulturmuseen haben wir auf der Museumsinsel in unmittelbarer Nähe des Schloßplatzes das Pergamon-, das Bode-, das Alte Museum und die Alte Nationalgalerie, weiterhin gibt es in Berlin den Hamburger Bahnhof, die Neue Nationalgalerie und den Martin-Gropius-Bau für wechselnde, aktuelle Austellungen, wie z.B. erst kürzlich die Ausstellung "50 Jahre Bundesrepublik Deutschland".

Im Opern- und Theaterbereich haben wir in Berlin die Deutsche Oper Berlin, die Staatsoper Unter den Linden, das Deutsche Theater, das Berliner Ensemble hinzu kommt noch demnächst das Tempodrom am Anhalter Bahnhof, um nur die wichtigsten zu nennen. Ein brandneues Musical-Theater gibt es am Marlene-Dietrich-Platz. Varietées gibt es mit dem Wintergarten in der Potsdamer Str. und dem Friedrichstadtpalast. Hallen für Großveranstaltungen jedweder Art stehen mit der Max-Schmeling-Halle, der Radsporthalle an der Landsberger Allee und der wieder zu belebenden Deutschlandhalle in ausreichendem Maße zur Verfügung. Die Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz hat sich auf den Erhalt ihrer beiden Häuser Unter den Linden und in der Potsdamer Straße festgelegt und ist an einem Neubau derzeit nicht ernsthaft interessiert.

Wie soll man dieses großartige Angebot noch übertreffen? Vielmehr zeigt es doch, daß der ganz große Wurf mit einer alles überragenden Institution von nationalem und europäisch-internationalem Rang gänzlich unrealistisch ist. Gäbe es ihn, wäre der Vorschlag schon längst von berufener Seite gemacht worden. Die Lösung kann daher m.E. nur darin liegen, daß neben einer großen, bedeutenden Kultureinrichtung sich viele weitere kleinere Einrichtungen gruppieren, die sich gegenseitig ergänzen und unterstützen und damit in ihrer Gesamtheit ein einzigartiges Ensemble kultureller Vielfalt bieten.

Ein solches Konzept könnte die folgenden 6 Elemente umfassen:
1. Ort der Information und Kommunikation
2. Ort des Wissens und der Bildung
3. Ort der Diskussion und Verständigung
4. Ort der Begegnung und des kulturellen Austauschs
5. Ort der Muße und Entspannung
6. Schaufenster Berlin - eine Hauptstadt im Werden

1. Ort der Information und Kommunikation
Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Manche Experten tun den Vorschlag der ZLB damit ab, dass eine Landesbibliothek eben nur eine Landesbibliothek und damit weder von nationaler und schon gar nicht von internationaler Größe und Bedeutung ist. Ganz offensichtlich herrscht in den Köpfen vieler Entscheidungsträger in Kultur, Wissenschaft und Politik leider immer noch die Meinung vor, daß eine Bibliothek vor allem aus vielen, vielen Regalen und noch mehr Büchern besteht, die man zum Lesen für eine bestimmte Zeit mit nach Hause nimmt, um sie dann irgendwann wieder zurückzugeben. Zum Dienstleistungsangebot einer modernen Bibliothek gehört jedoch weitaus mehr als das. Sie bietet nicht nur den Zugang zum Wissen der Welt sondern gibt mit ihrem geschulten Personal allen Bürgern auch Hilfestellung und Anleitung im Umgang mit den neuen Technologien. Sie bietet Räume und Arbeitsplätze zur Nutzung aller in der Bibliothek vorhandenen Medien (Print-, Multimedia, Video, Ton, usw.). Als Kultur- und Bildungswerkstatt wird sie somit zu einem unverzichtbaren Bestandteil des von Politikern so oft und viel beschworenen Konzepts vom "Lebenslangen Lernen" in der modernen Informationsgesellschaft. Seit "Hugendubel" und "Dussmann" wissen wir, wie schön der Besuch einer Buchhandlung sein kann - öffentliche Bibliotheken können genauso begeistern, auch wenn die Berliner beim Anblick ihrer Bezirksbibliotheken nicht so recht daran glauben mögen. Beispiele hierfür finden sich in Stuttgart mit dem "Treffpunkt Rotebühlplatz" und in München mit der Münchner Zentralbibliothek am Gasteig.

Europäisches Informationszentrum
Neben der Zentral- und Landesbibliothek als größten Nutzer, denke ich, muß es eine Vielzahl weiterer Nutzer geben, die dieses Angebot sinnvoll ergänzen. Hierzu gehört das in Ihrer Pressemitteilung schon erwähnte Europäische Informationszentrum, das bislang in der Bundesallee 22 eher ein Schattendasein fristet. Seit dem die Vertretung der Europäischen Kommission in das Europäische Haus Unter den Linden 78 eingezogen ist, wäre eine größere räumliche Nähe auch zu dieser wichtigen Institution gegeben. Zusammen mit dem Europäischen Informationszentrum könnten auch die übrigen ebenfalls in der Bundesallee 22 angesiedelten europäischen Vereine und Gesellschaften an den Schloßplatz ziehen.

2. Ort des Wissens und der Bildung
Ich würde eine Verlegung der Urania an diesen Ort vorschlagen, da am bisherigen Standort fast nur West-Berliner Senioren das umfangreiche und qualitativ hochstehende Angebot nutzen. In Berlin-Mitte würden auch die Bürger aus den östlichen Bezirken und durch die Verbindung mit der ZLB auch jüngere Menschen leichter zur Urania finden. Die räumliche Nähe zur Humboldt-Universität wäre darüber hinaus ideal für Kooperationen.

Die Beratungsstelle für Weiterbildung in der Beuthstraße am Spittelmarkt könnte ebenso wie die Volkshochschule Mitte an diesen Ort ziehen. VHS-Kurse im EDV- und Multimedia-Bereich und die beliebten Sprachkurse könnten mit Unterstützung der ZLB und aller anderen ansässigen Kultureinrichtungen dort stattfinden. Weitere Bildungseinrichtungen, die zwar mit Sitz in Bonn aber mit einer Außenstelle oder einem Büro in Berlin hier angesiedelt werden könnten, wären die Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG), der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Alle Informations- und Bildungseinrichtungen könnten den großen Medienbestand sowie die Internet- und EDV-Infrastruktur der Zentral- und Landesbibliothek nutzen.

3. Ort der Diskussion und Verständigung
Räume für öffentliche Anhörungen, öffentliche Diskussionsveranstaltungen usw. sollten vorhanden sein und allen gesellschaftlichen Gruppen offenstehen, ebenso wie ein Saal mit einer Bühne für Theateraufführungen und Filmvorführungen.

4. Ort der Begegnung und des kulturellen Austauschs
Neben dem "Haus der Kulturen der Welt", das an diesen Platz weitaus besser als an der John-Foster-Dulles-Allee im Tiergarten zur Geltung käme, könnten Kultureinrichtungen, Goethe-Institut, The British Council, Institut Francaise, Amerika-Haus, Polnisches Kulturinstitut, Stiftung für Griechische Kultur usw. mit ihren vielfältigen Angeboten das Haus bereichern.
Obwohl einige dieser Einrichtungen bereits neue Räume und/oder Gebäude bezogen haben oder diese gerade planen, denke ich, daß sie dann zumindest mit einigen Räumen in diesem Gebäudekomplex vertreten sein könnten.

5. Ort der Muße und der Entspannung
Nach einem Bummel durch das historische Berlin bietet sich dieser Ort zum Verweilen und Entspannen für Berlin-Besucher geradezu an. Entsprechende Restaurants und Cafés könnten den in- und ausländischen Touristen Spezialitäten aus allen Regionen Deutschlands anbieten.

6. Schaufenster Berlin - eine Hauptstadt im Werden
Die Stadt Berlin muß sich an diesem Platz den vielen Besuchern der historischen Mitte präsentieren, d.h. vorallem die Berlin-Tourismus-Marketing GmbH (BTM) sollte ebenso präsent sein wie die Partner für Berlin GmbH, die Berliner-Betten-Börse (BBB), die Berliner Theater-Kasse usw. usw. Auch die Bundesländer oder einzelne Regionen könnten Büros mit Tourismus-Angeboten für die Berlin-Besucher eröffnen.

Der einzigartige Erfolg der roten Info-Box am Potsdamer Platz läßt die Berlin-Tourismus-Experten schon jetzt darüber grübeln, wie diese für Berlin unbezahlbare Image-Werbung fortgesetzt werden kann, wenn der Potsdamer Platz einmal fertiggestellt ist. Aber eigentlich ist es doch ganz einfach: wie für den Potsdamer Platz ließen sich doch auch für "Berlins neue Mitte" entsprechende Angebote entwickeln und an diesem zentralen Ort präsentieren. Dazu gehören würden die Entwürfe zur Gestaltung des Schloßplatzes, der Wiederaufbau der Bauakademie, ebenso wie die Planungen für die Spree- und Fischerinsel, kurz gesagt: einfach das gesamte Gebiet zwischen der Friedrichwerderschen Kirche und dem Alexanderplatz. Als Gebäude könnte hierfür das "Ehemalige Staatsratsgebäude" genutzt werden, das ja schon zur Zeit von Bundesbauminister Töpfer eine solche Funktion hatte. Hier besteht ja auch als erstes Handlungsbedarf, wenn das Kanzleramt wie geplant im nächsten Jahr in den Tiergarten ziehen wird.

Verkehrsinfrastruktur
Das Problem der Verkehrsverbindungen ist m.E. ein sehr schwerwiegendes. Denn wenn man mit bis zu 10.000 Besuchern täglich rechnet, dann ist das nicht mehr mit den beiden Buslinien 100 und 348 zu schaffen. Die S-Bahn Stationen "Unter den Linden", "Hackescher Markt" oder "Alexanderplatz" sind zu weit entfernt, um für Fußgänger attraktiv zu sein. Auch die nächstgelegene U-Bahn Station der Linie U2 "Hausvogteiplatz" liegt ungünstig. Der Bau der umstrittenen Kanzler-Linie U5 erscheint mir daher unbedingt erforderlich, wenn man diesen Platz wirklich beleben und mit Menschen füllen will. Diese Linie erfüllt noch eine weitere wichtige Funktion: Neben der U2 (Vinetastr.-Ruhleben) wäre die U5 die zweite U-Bahnlinie die den Ostteil der Stadt mit der Mitte Berlins und später eventuell auch einmal mit dem Westteil verbinden könnte.

Zum Schluß noch ein Wort zur Besetzung der Expertenkommission: zu den zu beteiligenden Fachleute gehören meiner Meinung nach nicht nur Architekten, Städteplaner, Denkmalpfleger, Kulturhistoriker usw. sondern eben auch Vertreter der späteren Nutzer, d.h. wenn man eine Bibliothek ansiedeln möchte, gerade auch Bibliothekare, die von moderner Bibliotheksarchitektur etwas verstehen. Andernfalls ist damit zu rechnen, daß wir, wie in Paris geschehen, ein zwar architektonisch besonders eindrucksvolles Gebäude bekommen, das aber für seinen Zweck völlig unbrauchbar ist (siehe hierzu: Schultz, Harald: "Mit großer Geste ein Haufen Murks" in: Berliner Zeitung, Freitag 2. Juli 1999).

Christoph Albers
Karl-Stieler-Str. 12 A
12167 Berlin
christoph.albers@bmbf.bund.de
 
 


http://www.zlb.de/schlossplatz/konzepte/konzept-albers.htm / Update: 17.4.00
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